Neue Rezensionen


The Social Network
Mark Zuckerberg war nicht amüsiert. Er lehnte ein Biopic über sich und den Entstehungsprozess von Facebook ab. Regisseur David Fincher ("Sieben") und sein Drehbuchautor Aaron Sorkin ("The West WIng") ließen sich nicht davon abhalten und setzten den Film in die Tat um, was unter anderem mit einem Academy Award für das Beste adaptierte Drehbuch belohnt wurde - nach einem Buch von Ben Mezrich ("Milliardär per Zufall"). Das Medienrecht der USA ist liberaler als hierzulande: In Deutschland hätte man andere Namen wählen müssen. Der Film nennt alle negativ dargestellten Beteiligten so, wie sie wirklich heißen. Durchaus zum Schaden Zuckerbergs: Der Multimilliardär kommt in dem Film nicht gerade gut weg. Der Film betont sein Dasein als wenn auch hochintelligenter, hochintellektueller Nerd und Soziopath. Faktentreu möchte der Film nicht sein, worauf sowohl Zuckerberg als auch Fincher und Sorkin mehrfach hingewiesen haben.
Von Michael Dlugosch.


Aktuelle Filme


Die KommuneDie Kommune
Manchmal ist das so im Leben: Die Voraussetzungen sind toll, aber am Ende wird doch nichts draus. Diese Erfahrung erwartet die neun Mitglieder einer Kopenhagener 70er-Jahre-Kommune ebenso wie das Publikum von Thomas Vinterbergs Tragikomödie.
Das Drehbuch schrieb Vinterberg mit Tobias Lindholm, Co-Autor von "Submarino" (2010 im Berlinale-Wettbewerb) und "Die Jagd". Die Hauptdarsteller Trine Dyrholm und Ulrich Thomsen arbeiteten bereits in "Das Fest" mit Vinterberg zusammen. Der bewies sein Gespür für historische Settings zuletzt bei einem Hollywood-Ausflug mit "Am grünen Rand der Welt". Doch die Kumpanei und Eifersüchteleien unter den WG-Mitgliedern jenseits der besten Jahre wirken pennälerhaft und die doppelte Late-Life-Crisis des Hauptfigurenpaars strapaziert altbackene Klischees sowohl auf Seiten der weiblichen wie auch männlichen Figuren über. Ist es Vinterbergs persönlicher Bezug, der seinen Blick für die Grenze zum Trivialen trübt?
Von Lida Bach.
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Berlinale


Mein Praktikum in KanadaMein Praktikum in Kanada
Der Finger wandert auf einer vergilbten Landkarte Nordamerikas. Langsam zoomt die Kamera immer näher an den Ort des Geschehens heran. Sichtbar werden Namen von Städten, Landstraßen und ihre Nummern und schließlich auch der Wahlbezirk Prescott-Makadewà-Rapides-aux-Outardes des Abgeordneten Guibord. Ein wenig erinnert es an den Geografieunterricht aus den Achtzigerjahren. So alt wie die Landkarte, so verschroben und eigenwillig sind die Wähler und Nichtwähler von Herrn Guibord.
Es sind die Dinge, die noch passieren werden, haucht dann eine Stimme aus dem Off und die Karte verschwindet. Als nächstes blicken die Zuschauer in ein hoffnungsvolles und strahlendes Gesicht eines dunkelhäutigen, altbacken gekleideten jungen Mannes mit einem blauen Lederkoffer: Souverain aus Haiti. Er schaut auf ein etwas in die Jahre geratenes Haus mit einem Dessousgeschäft im Erdgeschoss. Im ersten Stock befindet sich das Plakat seines milde lächelnden Zielobjekts: Herr Guibord persönlich.
Von Margarethe Padysz.
deutscher Kinostart: 26. Mai 2016
Foto: Arsenal Filmverleih


We Love to DanceWe Love to Dance
Der energiegeladene Tanzfilm über den Aufstieg von Teenager Tu (Tia-Taharoa Maipi) zum Hip-Hop-Star feiert sich selbst als neuseeländische Antwort auf "Step up". Betrachtet man jedoch die Austauschbarkeit der Handlung und Figuren dieser Sparte von Mainstream-Hit, scheint das einzige Bemerkenswerte, dass Tammy Davis' 1A-Kopie bis jetzt auf sich warten ließ.
Gemessen an den Maßstäben des Genres macht der erste Langfilm, bei dem Schauspieler Tammy Davis ("Black Sheep") Regie führte, alles richtig. Er liefert einen durchtrainierten jungen Helden, dessen gutaussehendes romantisches Zielobjekt Sasha (Kherington Payne), einen Konkurrenten aus einer scheinbar unschlagbaren Tanz-Crew namens Kane (Jordan Vaha'akolo) und ein paar familiäre Probleme mit Tus Vater (John Tui). Der hat wenig Verständnis dafür, dass der Sohn nach der Schule sein Leben einfach nicht auf die Reihe kriegt und stellt ihm ein Ultimatum: sechs Wochen, dann soll der Sohn in seine Fußstapfen treten und zur Armee gehen.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Generation 14plus
Foto: Capelight Pictures


Grüße aus FukushimaGrüße aus Fukushima
Fünf Jahre nachdem Fukushima von einem Erdbeben, einer Flutwelle und dem Reaktorvorfall heimgesucht wurde ist die radioaktiv verseuchte Sperrzone wieder frei begehbar. Die Geigerzähler knattern zwar, aber die Strahlung liegt offiziell im unbedenklichen Bereich. Ein Teil der Menschen, die damals ihre Existenz verloren, leben noch immer in Notunterkünften. Die Zeit ist reif für ein bisschen Katastrophen-Tourismus und Doris Dörrie hat den perfekten Begriff dafür. "Radiation-Vacation".
Im Handlungskontext wird der Ausdruck etwas anders verwendet. Dennoch wird er unfreiwillig zur treffenden Zusammenfassung von Dörries neuem Filmprojekt. Das handelt von der ach so liebenswerten Elendstouristin Marie (Rosalie Thomass), die in den Anfangsszenen im Brautkleid durch die heimische Landschaft rennt. Der Bräutigam in spe ist auf der Flucht vor Marie, die einen Galgenstrick dabei hat. Ob sie ihn aufhängen könnte oder sich selber, verrät die Regisseurin vorerst nicht.
Von Lida Bach.
Ein Film der Sektion Panorama der 66. Berlinale 2016
Foto: Hanno Lentz/Majestic


Hail, Caesar!Hail, Caesar!
Eddie Mannix (Josh Brolin) ist ein "Fixer". Der Hauptcharakter der Komödie, mit der Joel und Ethan Coen nach drei Jahren auf die Leinwand zurückkehren, bügelt in den 1950ern für das fiktive Studio Capitol Pictures die Eskapaden der Stars wieder aus. So viel reaktionäre Schönrederei, wie das konfuse Hollywood-Märchen liefert, ließe allerdings selbst Eddie erblassen.
Die diversen Anspielungen der Coens auf authentische Ereignisse sind so leicht zu entziffern wie die Aliase für reale Persönlichkeiten vor und hinter den Kulissen des alten Hollywood. Der trottelige Studio-Star Baird Whitlock (George Clooney), den kommunistische Drehbuchautoren vom Set des titelgebenden Films kidnappen und der in einem Seehaus im John-Lautner-Stil mit ihren Zielen sympathisiert, ist Kirk Douglas (der geblacklistete Autoren wie Dalton Trumbo unterstützte).
"Hail, Caesar!" ist eine ernüchternd witzlose Tour über nostalgische Film-Sets, wo altmodische Western-Serien, Wasserballett-Filme und Bibelschinken wortwörtlich vorgeführt werden.
Von Lida Bach.
Eröffnungsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Universal Pictures



Special: 66. Berlinale 2016 (11. - 21. Februar 2016)


Berlinale 2016: Abschlussbericht
Es gewann der Film, der schon vorab als sicherer Bären-Kandidat gehandelt wurde. Mit dem Goldenen Bären für Gianfranco Rosis Lampedusa-Doku "Fuocoammare" setzt die Jury ein klares politisches Zeichen. Auf ein deutliches künstlerisches Signal verzichtet sie hingegen.
No risks. No fun. So hätte das Motto von Jury-Präsidentin Meryl Streep, Brigitte Lacombe, Alba Rohrwacher, Nick James, Clive Owen, Malgorzata Szumowska und Lars Eidinger lauten können. Die Bären-Gewinner eint ihr minimales Konfliktpotential, das in den übrigen Kategorien nah an Belanglosigkeit kommt. Am meisten gilt dies wohl für "L'Avenir", der Mia Hansen-Love den Silbernen Bären für die Beste Regie einbrachte. Zum ersten Mal seit über 30 Jahren und zweiten Mal überhaupt erhält eine Regisseurin den Preis. Dass es ausgerechnet für einen durch und durch konventionellen Film geschieht, ist ebenso bezeichnend wie die Auslassung des polarisierenden Dramas "24 Wochen".
Von Lida Bach.

Fire at SeaFire at Sea (Fuocoammare)
Nachdem Regisseur Gianfranco Rosi 2013 mit "Sacro GRA" in Venedig den Goldenen Löwen gewann, könnte ihm auf der Berlinale ein ähnlicher Erfolg gelingen. Zurückhaltende und dennoch einprägsame Bilder, durchbrochen durch die Perspektive eines 12-jährigen Jungen, zeigen einen kleinen Flecken Land im Mittelmeer. Lampedusa wird in Rosis eindringlicher Doku zum Markstein des Umgangs Europas mit den verzweifelten Menschen, die hier fast täglich landen.
Als der Regisseur im Herbst 2014 zum ersten Mal die Insel betrat, wollte er ursprünglich einen Kurzfilm drehen. Ein 10-minütiges Stück für ein internationales Filmfestival. Gelungen ist ihm nur der zweite Teil des Vorhabens. "Fuocoammare", so der Originaltitel, läuft dieses Jahr als einer von zwei Dokumentarfilmen im Wettbewerb. Doch aus 10 Minuten sind fast 110 geworden.
Von Lida Bach.
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016, Goldener Bär 2016
Foto: Berlinale


Death in SarajevoDeath in Sarajevo
In Sarajevo redet fast niemand je über die Zukunft, sagt Danis Tanovic. Kein Wunder, reden doch alle ständig von der Vergangenheit. Jedenfalls gilt das für die Protagonisten seines kuriosen Kammerspiels. Darin stellt der bosnische Regisseur im angekratzten Ambiente des symbolträchtig betitelten "Hotel Europa" die Frage: Ist für die Zukunft noch ein Zimmer frei?
"Death in Sarajevo" ist Polittheater im buchstäblichen Sinne. Tanovic webt seine Geschichte um eine Bühnenvorlage Bernard-Henri Levys. Deren Titel "Hotel Europa" prangt nun über dem Handlungsort, der dadurch zugleich als artifiziell und universell konnotiert ist, eben wie eine Theaterkulisse. Hinter der luxuriösen Fassade von Europa (Achtung: Doppeldeutigkeit!) herrscht alles andere als Einigkeit. Der Handlungstag soll ein Ehrentag sein, doch die Feststimmung ist in erster Linie Anordnung von oben. Dabei ist Hotelmanager Omer (Izudin Bajrovic) selber nicht nach Feiern zumute, droht doch angesichts der wachsenden Schulden der Bankrott.
Von Lida Bach.
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016, Silberner Bär: Großer Preis der Jury
Foto: Margo Cinema & SCCA/pro.ba


Kiki
Es ist eine Jugendbewegung, sagt die schwedische Filmemacherin Sara Jordenö über ihren eindrucksvollen Dokumentarfilm. Das wegweisende Porträt der jungen farbigen LGBT-Community führt den Zuschauer dorthin, wo sich Black Lives Matter und Trans Lives Matter und mehr brennend aktuelle politische Initiativen aufeinandertreffen.
Der Insider-Blick zeigt die Interaktion von Politik, Subkultur und Tanz in der New Yorker Ballroom-Szene und nimmt dabei eine konsequent radikalere Position ein als sein berühmter Vorgänger "Paris is Burning". Das authentische Interesse der Filmkünstlerin an den Menschen, die inmitten der ebenso flamboyanten wie komplexen Szene leben und überleben lässt keinen Platz für soziokulturellen Exotismus. "Kiki" ist nicht einfach ein Film über die Szene, sondern ein Film der Szene über ihre eigenen Strukturen und Aspirationen. Die Ball Culture ist ein eigenes kreatives Konzept innerhalb der LGBT-Scene, in dem verschiedene "Houses" genannte Gruppen gegen einander antreten.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Panorama Dokumente


Don't Blink - Robert Frank
Laura Israels filmische Collage über Fotograf und Filmemacher Robert Frank ist eine Hommage an die Kraft der Momentaufnahme. Das richtungslose Konglomerat der langjährigen Mitarbeiterin und Cutterin Franks bringt diese expressive Kraft leider nur selten auf. Weder Franks Wesen, noch das umfangreiche Werk durch die unscharfen Videos, Fotos und Cut-ups werden zugänglicher.
"Wenn jemand sich der Kamera bewusst ist, wird das Bild anders", sagt Frank, der zu den eindrucksvollsten Chronisten seiner Ära zählt, einmal. "Die Leute verändern sich." Ob es die Antipathie zwischen der Kamera und dem sich dieser offenkundig unangenehm bewussten Subjekt ist oder die überwältigende Masse an künstlerischem Material, das Israel in den Film packt: Das Resultat bleibt im visuellen wie persönlichen Sinne konturlos. Man sieht Frank in der Gegenwart als in seinem Apartment durch Berge selbstgeschaffener Zeitdokumente und Erinnerungsstücke kramen und durch die Gegend fahren.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Panorama Dokumente


Wanton Mee
Das Gericht aus gebratenen Nudeln und Klößen ist nur eine der Spezialitäten von Singapurs multikultureller Landesküche, die Eric Khoo in seiner gleichnamigen Tragikomödie zelebriert. Seine Hommage webt der international erfolgreichste Regisseur und Drehbuchautor des Inselstaats in ein fiktives Handlungsgerüst um den alternden Restaurantkritiker Chun Feng Koh (Boon Pin Koh). Den schweigsamen Einzelgänger verbindet mehr als nur die Arbeit mit der quirligen Street-Food-Kultur, die Franchises zu weichen droht.
Nostalgie und Konventionalismus gehen Hand in Hand in der filmischen Liebeserklärung an die versteckten Köstlichkeiten der Straßenmärkte, die Chun für seine Magazin-Reportagen besucht. Singapurs traditionelle Küche verdankt ihren komplexen Charakter dem ethnischen Mix der Bevölkerung. Malaien, Chinesen und Inder bereichern sie mit regionalen Einflüssen ihrer eigenen variationsreichen Esskultur. Die in Kombination mit einheimischen Zutaten entstandenen Gerichte sind zugleich simpel und außergewöhnlich.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Kulinarisches Kino


The Singhampton Project
Ahornsirup sei für ihn das, was für Italiener Olivenöl sei, sagt Michael Stadtländer: "Den könnte ich an jedes Gericht machen." Für den 1947 in Lübeck geborenen Chefkoch ist das nicht nur Ausdruck der Liebe zu seiner neuen Heimat Kanada. Es ist Teil der Philosophie, mit der er Essen und sein kulinarisches Abenteuer bereitet: Um gut zu kochen brauche man nicht mehr als das, was um einen herum wachse.
Dem Protagonisten fällt diese naturnahe Lebensform quasi in den Schoß. Er ist auf dem Land aufgewachsen, hat durch seine Karriere als Spitzenkoch das nötige Wissen und Budget und auf seiner Farm namens "Eigensinn" den erforderlichen Platz. Jonathan Staav ist mit seinem Langfilmdebüt nicht der erste Dokumentarfilmer, den Stadländers unkonventionelle Herangehensweise an die Spitzenküche fasziniert. In Kanada, wohin er 1980 auswanderte, ist Stadtländer einer der Pioniere der Nouvelle Cuisine und ein Celebrity-Koch.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Kulinarisches Kino


Need for Meat
"Die Entscheidungen, die du im Leben triffst, bestimmen, was für ein Mensch du bist." Dieser Satz ist eine der wenigen substantiellen Erkenntnisse in Marijn Franks filmischer Selbstbespiegelung. Darin gibt die niederländische Filmemacherin vor, ihren Fleischkonsum zu hinterfragen. Tatsächlich konstruiert sie eine scheinheilige Apologie für rücksichtslosen Massenkonsum und feiert psychische Abstumpfung.
Der Titel steht programmatisch für die Herangehensweise der Regisseurin an ihre Thematik. "Need for Meat" (OT.: Vleesverlangen) behandelt Fleisch nicht als Überflussware, sondern Grundbedürfnis. Fleischverzehr steht in der assoziativen Bildwahl auf einer Stufe mit Sex: ein Urverlangen, das naturgegeben, unwiderstehlich und überlebensnotwendig sei. Die Mutter einer interviewten Vegetarierin, von der das obige Zitat stammt, prophezeite ihr dementsprechend: "Da endest du bald mausetot." Da die Dame nach über 30 Jahren ohne Fleisch wohlauf vor der Kamera sitzt, war das wohl vorschnell gedacht.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Kulinarisches Kino


Cooked - Fire
"In der Evolution stehen wir auf halber Höhe zwischen den Göttern und den Tieren", sagt Michael Pollan zu Beginn seines dokumentarischen Vierteilers. Darin will der Autor und Ernährungsaktivist dem Publikum klar machen, wie wichtig Kochen für die Menschheit war und wieder sein sollte - und, dass er selber schon lange ganz toll kocht.
Kochen hat uns Menschen laut der ersten Folge "Cooked - Fire" so schlau gemacht. Aber kaum jemand tut es noch - außer Pollan. Er steht also quasi schon auf halber Höhe zwischen den Göttern und uns Halbgöttern, denen er predigt. Als Dreiviertelgott braucht er die Gebote einer gesunden Lebensführung, die er in mittlerweile vier Büchern verkündet, natürlich nicht selber einhalten. Es reicht, sie erfolgreich (auch im monetären Sinne) zu verbreiten. Nach zahlreichen Kurzauftritten in Dokumentationen startet er nun filmisch doppelt durch: mit dem abendfüllenden "In Defense of Food", der ebenfalls auf der Berlinale im Kulinarischen Kino läuft, und der Netflix-Serie "Cooked".
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Kulinarisches Kino


Cooked - Air
Michael Pollans 2013 erschienene Buchvorlage "Cooked" sollte die Leute an den heimischen Herd zurückzuholen. Doch obwohl die ausschweifenden Anekdoten aus seiner Küche im kalifornischen Berkeley zum Bestseller wurden, blieb der "Weckruf, verlorene Traditionen zurückzuerobern, um unser Leben wieder in Balance zu bringen", unbeachtet. Deshalb tut der Autor, was er am besten kann: er wiederholt sich, dieses Mal mit Unterstützung von Netflix-Regisseur Ryan Miller.
Die Menschen haben das selbstständige Kochen aufgegeben und Pollan weiß einfach nicht warum. Er meint, es war doch alles wunderbar, als jeder im eigenen Haushalt Bier braute, Brot buk und Schinken räucherte, während im Keller Kimchi und Käse reiften. Die Leute waren gesünder und ihre Familienbeziehungen intakt, denn kochen verbindet. Heutzutage hingegen plagen nicht nur die USA Zivilisationskrankheiten wie Fettleibigkeit und Diabetes und Familien bestellen höchstens noch gemeinsam Fertigpizza.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Kulinarisches Kino


Campo a través. Mugaritz, intuyendo un camino
Der Originaltitel bedeutet "querfeldein". Dort zu gehen, statt auf dem Weg, sei schmerzhafter, sagt Küchenchef Andoni Luis Aduriz: "aber auch aufregender." Der mit zwei Michelin-Sternen gekrönte Betreiber des Titelrestaurants sieht sich in doppeltem Sinne dort. Das Mugaritz eröffnete er 1998 in der nordspanischen Provinz. Seine Küche sucht ständig neue Wege, um den Gästen ein einmaliges Erlebnis zu bieten. Mit Dokumentarfilmer Pep Gatell feilt er am Mythos des Spitzenrestaurants.
Die filmische Hommage wiederholt das Bild des "abseits des viel begangenen Weges gehen" so oft sprachlich und visuell, als sei Adruiz der neue Robert Frost. Statt Poesie regiert auf der Leinwand jedoch Pathos. Die Szenen entstanden ohne Drehbuch allein auf der Basis der Erzählungen der Mitarbeiter und natürlich von Adruiz, der selbst die Idee zu dem Projekt lieferte. Sonderlich neu ist dieser Weg der geschickten Selbstvermarktung nicht.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Kulinarisches Kino


Café Nagler
Die Großmutter von Regisseurin Mor Kaplansky war früher selbst Dokumentarfilmerin für das israelische Fernsehen. Doch die Geschichte, an die sie sich als alte Frau am liebsten erinnert, hat sie nie gedreht. Es ist die Geschichte des Titelorts, den ihre Eltern einst am Berliner Moritzplatz führten. Bevor das glanzvolle Kapitel der Familienhistorie völlig verblasst, sucht ihre Enkeltochter in Berlin nach den Spuren eines Ortes, den es so vielleicht nur in der Fantasie der Großmutter gab.
Mit den alten Anekdoten kramt die 86-Jährige die alten Teller wieder heraus. Auf ihnen steht von Schnörkeln umrahmt der Name des Cafés Nagler. So elegant wie auf dem Geschirr ist der Betrieb in der Gedankenwelt der alten Dame eingeprägt. Es war der Treffpunkt der Hautevolee und Bohemiens, erzählt sie. Einstein, Kafka, George Grosz und Alfred Döblin tranken dort morgens Kaffee und abends Likör.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Kulinarisches Kino


P.S. Jerusalem
Niemals dorthin zurückkehren. Diesen Rat bekam Danae Elon von ihrem Vater, dem emigrierten israelischen Autor Amos Elon. Doch ein Mensch kann sich nicht aussuchen, wo er sich zu Hause fühlt. Nach dem Tod des Vaters hält die Filmemacherin nichts mehr in den USA, nicht die Jahrzehnte, die sie dort verbrachte, und nicht die Kinder, dort großgeworden sind. In ihrem filmischen protokolliert Elon die persönlichen Konflikte der Rückkehr in ein von politischen Konflikten geschütteltes Land.
Es fällt schwer, das Unterfangen nicht als journalistischen Selbstzweck zu sehen. Die emotionalen Gründe, die von der Regisseurin ausgeführt werden, sollen diesen Eindruck zerstreuen: "Ich habe versucht, in ihren Herzen einen Ort zu erschaffen, wo sie stolz auf das sein können, was sie sind." Aber wächst das Gefühl von Identität und Zugehörigkeit nicht viel mehr durch das soziale Umfeld aus Freunden und Familie, statt dass es sich automatisch an einem bestimmten Ort einstellt?
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Forum


Wu Tu: My Land
Die Reihenhausfronten moderner Apartmentkomplexe blicken gleichgültig auf das kleine Haus, in dem Gemüsebauer Chen Chun mit seiner Familie lebt. Die Hütte mit dem kleinen Garten ist die letzte Bastion des Widerstands gegen das Bauprojekt, dem sie ohne Entschädigung ihre Lebensgrundlage opfern sollen. Dokumentarfilmer Fan Jian zeigt den Kampf der Grundbesitzer in seinem Heimatland, die der Gentrifizierung machtlos gegenüberstehen.
Zwanzig Jahre hat Chen das Land bebaut. Nun droht das System seiner Frau und ihm buchstäblich den Boden, auf dem sie mit der kleinen Tochter und den Großeltern leben, unter den Füßen wegzuziehen. Auf dem Acker sind Betonklötze für die Stadtbevölkerung geplant. Chinas Mittelschicht explodiert förmlich, während die Landbevölkerung schrumpft. Aber die Chens lassen sich nicht vertreiben. Ihre Hütte steht noch, ebenso der winzige Garten, wo Chen der Tochter zeigt, wie Tomaten ausgesät werden. Dass sie das Wissen eines Tages auf ihrem eigenen Land anwenden können wird, ist unwahrscheinlich.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Panorama Dokumente


Mapplethorpe: Look at the Pictures
Der Titel könnte kaum eine direktere Aufforderung sein. Ihr nachzukommen lohnt sich nicht dank der Fülle an teils unveröffentlichten Materials, das Fenton Bailey und Randy Barbato in ihrer Filmbiografie enthüllen. Die explizite, oft homoerotisch und sadomasochistisch gefärbte Fotografie Robert Mapplethorpes präsentiert sich dem Zuschauer nicht nur in ihrer Skandalwirkung, sondern ihrem kulturellen Einfluss und Ausdruck einer schillernden Persönlichkeit.
Er wollte es schaffen, heißt es von Mapplethorpe: ein herausragender Fotograf sein, nicht nur ein guter. Diese Mischung aus Ehrgeiz und Egozentrik kristallisiert sich in der klarsichtigen Dokumentation als eine seiner markantesten Eigenschaften heraus. Aufgewachsen in New York als Kind römisch-katholischer Eltern, begann Mapplethorpe ein Kunststudium am Pratt Institute in Brooklyn. In dieser Zeit begann auch die Freundschaft zu seiner engen Vertrauten Patti Smith, deren Album "Horses" eine von Mapplethorpes Fotografien von Smith ziert. Die komplexe Beziehung zu Rockmusikern ist nur eine von vielen, die Mapplethorpe zu schillernden Künstlern der Ära hatte.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Panorama Dokumente


In Defense of Food
"Eat food, not too much, mostly plants." Mit dieser oft zitierten Empfehlung wurde Bestsellerautor Michael Pollan in den USA zum populären Ernährungs-Advokaten, der in eindringlichen Reportagen wie "Food, Inc." und "Cowspiracy" zu Wort kam. Dabei macht der Journalist und Aktivist nicht nur Werbung für eine gesunde Einstellung zum Essen, sondern vor allem für sich selbst oder eines seiner Werke. In Michael Schwarz Dokumentation ist es sein gleichnamiges Buch von 2008. Die Argumente darin werden allerdings auch durch szenische Untermalung nicht überzeugender.
Ganz falsch ist Pollans Ansatz nicht. Die Menschen in der westlichen Welt sollten sich von Essen (im Gegensatz zu Nahrungsergänzungsmitteln, Pestiziden und Pillen) ernähren, nicht zu viel essen (damit für die Menschen in Entwicklungsländern auch etwas übrig bleibt) und vor allem Pflanzen (da Tierprodukte der Klima-Killer Nummer eins sind).
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Kulinarisches Kino


Mellow Mud
Nachdenklich, traurig und sicher nicht naiv: Die Worte, mit denen die 17-jährige Raya (Elina Vaska) ein Mädchen auf einem Gemälde Odilon Redons beschreibt, beschreiben auch sie selbst und den erzählerischen Ton von Renars Vimbas überzeugender Coming-of-Age-Story.
Melancholisch und mit leiser Poesie zeigt das Spielfilmdebüt des lettischen Regisseurs die Suche nach einem Fluchtweg aus der hoffnungslosen Situation, in der sich die junge Frau wiederfindet. Der Originaltitel "Es esmu seit" bedeutet "Ich bin hier" und hat im Gegensatz zum internationalen Verleihtitel einen konkreten Bezug auf die innere Haltung der Hauptfigur. Raya will sich selbst an dem Ort, den sie als Zuhause wahrnimmt, behaupten. Der Ort ist eine klapprige Hütte am Rand einer lettischen Kleinstadt, die ihr Vater einst gekauft hatte. Nach seinem Tod hat ihre Mutter sich nach London aus dem Staub gemacht und Raya und deren kleinen Bruder Robis (Andzejs Lilientals) bei der Großmutter zurückgelassen.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Generation 14plus


Girl Asleep
"Die Adoleszenz ist wie ein Wald", sagt Rosemary Myers über ihre wunderbare Coming-of-Age-Komödie, "es ist ein Ort voll Schönheit, Schrecken und einer, wo man leicht die Kontrolle verlieren kann." Das findet ihre Hauptfigur Greta Driscoll (Bethany Whitmore) alles ziemlich abschreckend. Den Wald um das neue Haus, in das ihre Familie im Australien der 70er gerade gezogen ist, schaut sie deshalb lieber aus der Ferne an. Aber die sonderbaren Wesen im Dickicht des Unterbewusstseins warten auf sie...
Der Titel bezieht sich sowohl auf die freudianische Traumebene der Handlung als auch auf das Erwachen der Sexualität. Den Übergang in diese fremde Welt, in der ihre ältere Schwester Genevieve (Imogen Archer) und ihre Eltern leben, markiert Gretas 15. Geburtstag. Am liebsten würde sich die Hauptfigur in der Kindheit abriegeln, wie in ihrer alten Musikbox.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Generation 14plus


The Music of Strangers: Yo-Yo Ma and the Silk Road EnsembleThe Music of Strangers: Yo-Yo Ma and the Silk Road Ensemble
Beide haben zahlreiche Auszeichnungen eingeheimst und ihr neues Werk könnte ihnen noch mehr bringen. Die Zusammenarbeit des in Frankreich geborenen Cellisten Yo-Yo Ma und Dokumentarfilmer Morgan Neville aus L. A. ist für Musik- und Kinofans gleichermaßen spannend. Der Regisseur von "20 Feet from Stardom" macht die Entstehungsgeschichte eines außerordentlichen Ensembles zu einem Leinwanderlebnis.
"The Music of Strangers" beginnt als konventionelle Filmbiografie. Auf Archivmaterial sieht man unter anderem, wie Ma im Alter von nur sieben Jahren von Leonard Bernstein in einer TV-Sendung vorgestellt wird und dank seiner Hochbegabung die musikalische Welt im Sturm erobert. Doch sein Werdegang zu einem der größten Cellisten der Gegenwart ist nur der Auftakt zum eigentlichen Thema der Musik-Dokumentation. Die klassische Karriere war für Ma gerade aufgrund seiner natürlichen Begabung nie eine Herzensangelegenheit. Also suchte er nach einem Projekt mit dem Potential, das zu werden.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 22. September 2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Berlinale Special Gala
Foto: Silk Road Project


Dog DaysDog Days
Der Titel des chinesischen Dramas erinnert wohl nicht nur zufällig an Sidney Lumets Krimi-Drama "Dog Day Afternoon" ("Hundstage"). Auch das Langfilmdebüt des New Yorker Filmemachers Jordan Schiele basiert auf einer realen Begebenheit, es gibt einen Amateurverbrecher und seinen transsexuellen Freund und die Protagonisten plagt die Hitze des titelgebenden Wetterphänomens. Leider sind die künstlerischen Aspirationen des Regisseurs so absurd wie die Aktionen seiner Figuren.
Der Plot schleppt sich über einen Handlungszeitraum von mehreren Tagen dahin und wirkt dabei immer gleichgültiger. Diese Stimmung spiegelt die der Tänzerin und Mutter Lulu, die in einem schäbigen Club arbeitet. In der Zwischenzeit bleibt das gemeinsame Baby bei ihrem Partner Bai Long. Eines Tages kommt Bai Long nicht wie gewohnt, um sie von der Arbeit abzuholen. Die Tür ihres Appartements findet sie verschlossen vor und nirgendwo eine Spur von Freund und dem Baby, das sie immer noch bei ihm glaubt.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Panorama Special
Foto: Berlinale


Starless DreamsStarless Dreams
"Dieser Ort ist voller Schmerz", sagt eine der Insassinnen der iranischen Jugendstrafanstalt, die Mehrdad Oskouei in seinem packenden Dokumentarfilm besucht. In schnörkellosen Bildern zeigt der Regisseur den Alltag der Mädchen zwischen Unterdrückung, Haft und Kriminalität. Die Hoffnung auf ein Leben ohne Gewalt und Drogen haben viele von ihnen noch nicht aufgegeben. Doch ihre Familien haben keinen Platz für sie, genauso wenig wie das System.
Die zitierten Worte einer wegen Mordes Verurteilten reflektieren sowohl den Zustand innerhalb der Gefängnismauern, als auch den innerhalb des Staats. Wenn die Mädchen entlassen werden, ist es, als kämen sie nur in ein größeres Gefängnis, in dem sie Brutalität und Unterdrückung schutzlos ausgeliefert sind. Alle hätten sie die gleiche Geschichte, sagt eine von ihnen. Eine bittere Erkenntnis, welche die Berichte ihrer Mitinsassinnen bestätigen.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Generation 14plus
Foto: Berlinale


In Your Dreams!In Your Dreams!
Die Parkour-Strecke wird in Petr Oukropec Jugendfilm zur Metapher für die Hindernisse, die das Leben bereit hält. Die Jungen aus der coolen Clique, die ein Prager Hochhaus-Quartier zu ihrem Übungsplatz macht, überwinden spielerisch die Hürden und wagen sich immer höher hinaus. Die Mädchen blicken von unten zu ihren Helden auf. Nur die 16-jährige Laura (Barbora Stikarova) zieht es selbst auf die Dächer und Baugerüste.
Die Motivation der sportlichen Protagonistin bleibt allerdings die gleiche wie bei ihrer Freundin Kaja (Veronika Pouchová) und der gestylten Denisa (Martina Kavanová): von den Jungs bemerkt werden. Laura ist in den angeberischen Luky (Toman Rychtera) verknallt und träumt davon, dass er sie zu seiner Prinzessin macht. Wie das in ihrem Kopf aussieht, zeigt die dünne Story in skurrilen Traumsequenzen, die stilistisch zwischen Werbespot und Kindermärchen changieren.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Generation 14plus
Foto: Nikolas Tusl


Invention
Die meisten filmischen Werke des kanadischen Künstlers Mark Lewis sind Installationen. Das gilt im Grunde auch für seine jüngste Regiearbeit, die trotz eindrucksvoller Kamerawinkel dem Titel nie wirklich gerecht wird. Die Stadtdokumentation will mit der unermüdlichen Suche nach neuen Perspektiven architektonische Genialität feiern. Stattdessen bezeugt "Invention" eher den eigenen Mangel an inszenatorischer Erfindungsgabe.
Zwischen den schwindelerregenden Bauten und kühnen Konstruktionen, die sich auf der Leinwand auftürmen, sucht man vergeblich die Originalität von Dziga Vertovs "Mann mit der Kamera" oder die Lebendigkeit von Walter Ruttmanns "Symphonie der Großstadt". Beide Filmklassiker zählen wohl zu den Vorbildern für Lewis Konzeptfilm über urbane Flächen und Formen. Bis ins kleinste Detail kartographieren die beiden Kameramänner Martin Testar und Bobby Shore drei Weltstädte auf drei Kontinenten: Toronto, Sao Paulo und Paris.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Forum Expanded


Hotel DallasHotel Dallas
Was haben die US-Fernsehserie "Dallas", ein Sonnenblumenöl-Magnat und Ceausescu gemeinsam? Die Antwort auf die Frage, die sich bisher wohl nie jemand gestellt hat, gibt Livia Ungur in ihrer träumerischen Mockumentary. Die New Yorker Filmemacherin ist die Tochter jenes Pflanzenöl-Unternehmers, der sich den Hauptcharakter der beliebtesten Serie im kommunistischen Rumänien zum Vorbild nahm.
Ganz so spaßig, wie der reale Hintergrund von Ungurs Langfilmdebüt klingt, ist er nicht. Unter Ceausescus Terror mangelte es der rumänischen Bevölkerung an allem. Die älteren Bekannten der Regisseurin erinnern sich vor der Kamera, wie sie in den 80ern stundenlang für ein Stück Butter und ein Kilo Zucker anstehen mussten. Aber es gab noch eine andere Welt und die lag im fernen Texas. Dort aßen Leute von Tellern mit Goldrand, lebten in Luxusvillen und wenn sie etwas wollten, bestachen sie jemanden - nicht mit Seife oder Socken wie in Rumänien, sondern mit Millionen Dollars.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Panorama Dokumente
Foto: Berlinale


The Wounded AngelThe Wounded Angel
Mit seinem unerbittlichen Drama "Harmony Lessons" gewann Emir Baigazin vor drei Jahren im Wettbewerb der Berlinale den Preis für eine herausragende künstlerische Leistung. Nun kehrt der kasachische Regisseur mit "The Wounded Angel" zur Berlinale zurück. Die filmische Fortführung des Themas zerstörter Jugend befasst sich auf stilistisch ähnliche Weise mit dem Leben inmitten einer erodierenden Gesellschaft.
Der als Mittelstück einer epischen Trilogie angesetzte Film ist unterteilt in mit bedeutsamen Überschriften wie "Schicksal" betitelten Kapiteln. Sie erzählen in schwermütigen Langeinstellungen von vier Jugendlichen im Kasachstan der 90er Jahre. Dort, erklärt eine Titelkarte zu Beginn, wurde von der Regierung, um den bankrotten Staat zu retten, Abend für Abend der Strom abgedreht. Die staatlich verordnete Finsternis wird zur Metapher für die düstere Zukunft, die sich vor den Figuren auftut. Niemand entrinnt dem Kreislauf von wirtschaftlicher Repression, Kriminalität und Korruption.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Panorama Special
Foto: Berlinale


Sand StormSand Storm
Der Sturm, den Elite Zexers Studie gesellschaftlicher und familiärer Zwänge im Titel ankündigt, wird vielleicht niemals kommen. Die weiblichen Figuren, die sich in einem Beduinen-Dorf dem drohenden Zerfall der Familie stellen müssen, sind unfähig, ihn heraufzubeschwören. Ob diese Machtlosigkeit auf gesellschaftlicher Schwäche basiert oder aber auf charakterlicher, ist die drückende Frage des harschen Spielfilmdebüts.
Die Hauptfigur Layla (Lamis Ammar) erlebt man zuerst als selbstbewusste junge Frau, die selbst ihr Leben lenkt. Dafür steht das Steuern des Wagens, den sie zu einer Hochzeitsfeier in ihr Heimatdorf fährt. Ihr Vater Suliman (Hitham Omari) sitzt auf dem Beifahrersitz und fragt nach ihren Noten an der Universität. Doch die Freiheit der jungen Studentin ist trügerisch. Darauf verweisen schon früh dezente Warnzeichen, die selbst Layla bisher entgangen sind.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Panorama
Foto: Vered Adir


ZudZud
In ihrem Spielfilmdebüt verwebt Filmemacherin Marta Minorowicz dokumentarische Aufnahmen mit einer fiktiven Handlung. Wo die Realität aufhört und die Inszenierung beginnt, lässt sie das Publikum nicht wissen. Nicht nur dies beeinträchtigt die Geschichte des elfjährigen Sukhbat, der mit seinen Eltern und einem kleinen Geschwisterkind in den Weiten der Mongolei lebt.
Der Alltag in der unwirtlichen Landschaft ist hart, besonders, da der Winter hereinbricht. Eine rätselhafte Krankheit tötet die Schafe und Ziegen der Familie. Jedes Mal wenn Sukhbat ein verendetes Tier findet, rückt sein Wunsch, wieder zur Schule zu gehen weiter in die Ferne. Über den Hauptcharakter erfährt man fast nichts, nur, dass er sein Schicksal klaglos hinnimmt. Unbeschwerte Momente sind selten, denn die Eltern sind auf seine Hilfe angewiesen und er tut alles, um die Lage der Familie zu verbessern. Mit dem Vater hütet er in der von Wind und Regen gepeitschten Ödnis die Schafe und Ziegen.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Generation Kplus
Foto: Berlinale


Siv Sleeps AstraySiv Sleeps Astray
Die Nordlichter tauchen den Winterhimmel über Skandinavien in ein magisches Licht. In so einer Nacht können unheimliche Dinge geschehen. Ganz besonders dann, wenn man sie nicht zu Hause verbringt. Das erlebt die junge Heldin von Catti Edfeldts und Lena Hanno Clynes Kinderfilm, als sie in der seltsamen Wohnung ihrer neuen Mitschülerin übernachtet.
Pija Lindenbaums gleichnamiges Kinderbuch (dt. Titel: "Mia schläft woanders") von 2009 wurde in Schweden bei Lesern und Kritikern gleichermaßen zum Erfolg. Doch auch wenn man die Hauptfigur Siv (Astrid Lövgren) nicht aus der von der Autorin selbst illustrierten Vorlage kennt, macht die Leinwandadaption Spaß. Das verdankt die gelungene Mischung aus Realfilm und computeranimierten Effekten zum einen der fantasievollen Ausstattung, zum anderen den originellen Situationen. Die Handlung richtet sich an Kinder im Grundschulalter und ist an sich unspektakulär. Siv bekommt eine neue Mitschülerin und ist von ihrem selbstbewussten Auftreten sofort beeindruckt.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Generation Kplus
Foto: Karolina Pajak


RaufRauf
Was ist Pink für eine Farbe? In dem kurdischen Dorf, in dem der 11-jährige Rauf aufwächst, scheint sie nirgendwo zu finden zu sein. Auf jeden Fall sei Pink eine mädchenhafte Farbe, sagen seine beiden Kumpel und ein Marktverkäufer in der Stadt, wo Rauf nach pinkem Stoff sucht, wundert sich sogar: Was will ein Junge mit einer Mädchenfarbe?
Für das Regie-Duo Soner Caner und Baris Kaya ist die Antwort klar: das Herz seiner Angebeteten erobern! Alles andere ist in der begrenzten Welt des türkischen Kinderdramas wohl undenkbar und wird niemals angesprochen. Doch die Äußerungen über die unverrückbare Geschlechterzuordnung von Pink wecken zumindest in älteren Zuschauern die Frage, was denn so schlimm wäre, wenn Rauf (Alen Hüseyin Gürsoy) für sich selbst etwas Pinkes wollte und wie sein Umfeld reagieren würde?
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Generation Kplus
Foto: Baris Kaya


Rag UnionRag Union
Der Titel von Mikhail Mestetskiys Regiedebüt ist unfreiwillige Ironie. Gäbe es ein filmisches Lumpenproletariat, wäre die Jugendkomödie ein exemplarischer Vertreter. Vulgär, narzisstisch und dabei fest in konservativer Ideologie verwurzelt. Soziale Ideale sieht die Story als pubertäre Dummheit, die fatale Folgen hat, wenn sie sich nicht auswächst.
Nach seinem Drehbuch für den Publikumserfolg "Legenda No. 17" darf Mestetskiy nun selbst auf den Regiestuhl. Dort beantwortet er augenscheinlich vor allem die Frage, die eine seine Figuren andauernd stellt: Wo stehst du im politischen Spektrum? Links oder mittig stehen auf der Leinwand jedenfalls nur Idioten, die man für ihre Nonkonformität auslachen oder bemitleiden soll. Popov (Aleksandr Pal), Petr (Pavel Chinarev) und Andrei (Ivan Iankovskii) haben keine Beschäftigung, kein Geld und keine Bleibe. Letztes, da sie Petrs Wohnung an Touristen vermieten wollen. Der gerade in Moskau angekommene Vania (Vasilii Butkevich) kommt da wie gerufen.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Generation 14plus
Foto: Berlinale


OttaalOttaal
Für klassische Stoffe hat Regisseur Jayaraj eine Vorliebe. Nach "Macbeth" und "Othello" verlagert der indische Filmemacher nun Anton Tschechows Kurzgeschichte "Wanka" in die Gegenwart. Die Vorlage in Briefform ist ein bedrückender Einblick in das Leben von Kinderarbeitern und hat auch 130 Jahre später nichts an Aktualität eingebüßt.
In der Millionenstadt Kerala sind Selbstmorde keine Seltenheit. Auch die Eltern des kleinen Kuttapayi wussten keinen anderen Ausweg aus ihrer finanziellen Misere, als sich das Leben zu nehmen. Der aufgeweckte Junge jedoch hat Glück im Unglück gehabt. Bei seinem liebevollen Großvater Kunjootty hat er ein neues Zuhause gefunden. Kuttapayi hilft dem alten Mann bei der Entenzucht und zieht an seiner Seite mit den Wandervögeln entlang des Flusslaufes. Er entwickelt den Wunsch zur Schule zu gehen. Der Traum scheint in Erfüllung zu gehen, als sein Großvater ihn eines Tages weit weg in eine andere Stadt schickt. Doch der zwielichtige Arbeiterwerber Mesthiri bringt den kleinen Jungen nicht in ein Internat, sondern eine Feuerwerksfabrik.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Generation Kplus
Foto: Berlinale


Blue BicycleBlue Bicycle
Worauf es im Leben wirklich ankommt, kann man nicht immer kaufen. Manchmal muss man es selbst erschaffen. Das lernt der 12-jährige Ali (Selim Kaya) schon früh. Seit sein Vater bei einem Unfall starb, muss die Mutter ihn und die kleine Schwester allein durchbringen. Gleichzeitig klagt sie vor Gericht um die Anerkennung des Unfalls. Ali kämpft unterdessen einen eigenen Kampf: für seine Schulfreundin Elif (Bahriye Arin) und mehr Gerechtigkeit in der Welt.
Die Botschaft, die Ümit Körekens Kinodebüt vermittelt, scheint zuerst nobel. Wer Gerechtigkeit will, muss gegen Unrecht aufbegehren. Nicht nur dann, wenn es einen selbst trifft, sondern immer und überall. Doch wie aufrichtig die Aussage tatsächlich ist, bleibt unklar, genau wie viele inhaltlichen Zusammenhänge der Handlung. Die verspielt viel Potenzial auf Nebenschauplätzen, obwohl die Ausgangssituation Spannung verspricht. Gleich in der ersten Szene macht der Regisseur das Kinderpublikum zu Zeugen eines heimlichen Verbrechens.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Generation Kplus
Foto: Mikael-Bundsen


Der Ost-KomplexDer Ost-Komplex
Der Stein muss weg. Darin sind sich alle Seiten einig. Nur darüber welcher Stein wird zu Beginn von Jochen Hicks Dokumentarfilm heftig gestritten. Dabei verliert man vom Kinosaal aus schnell den Überblick, wer sich jetzt gerade warum echauffiert und über welchen der beiden Gedenksteine. Letzte sind das "Denkmal der Sozialisten" und das "Denkmal der Opfer des Sozialismus", die für die Unvereinbarkeit der historischen Perspektiven auf die DDR-Vergangenheit stehen. Eine Antwort darauf, wer in der Berliner Stadtverwaltung die Idee hatte, die beiden Denkmäler einander direkt gegenüber aufzustellen, gibt Hicks Doku nicht. An Antworten scheint dem Regisseur generell nicht viel zu liegen. Lieber filmt er die streitenden Parteien mit spürbarer Schaulust. Die Zusammenstöße von Demonstranten unterschiedlicher Gruppierungen an den Denkmälern wiederholen sich alljährlich bei der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration. Da die Mehrheit allerdings jenseits der 60 ist, halten sich die Ausschreitungen in Grenzen. Also tun die Beteiligten vor der Kamera das, was niemand so gut kann wie alte Leute: Sie beschweren sich, früher sei alles besser gewesen. Früher meint unter dem Sozialismus, an den viele der Anwesenden mit Wehmut zurückdenken.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Panorama Dokumente
Foto: Jochen Hick / Galeria Alaska Prod.


Portrait of a GardenPortrait of a Garden
Ein wenig ist Rosie Stapels lyrischer Dokumentarfilm wie der Ort, den er leise beobachtet. Er braucht seine Zeit, um sich zu entwickeln, aber dafür ist er wunderschön. Ein Jahr lang besuchte die niederländische Regisseurin einen Küchengarten, wie es nur noch wenige gibt. Der Garten der Villa August in Dordrecht ist einzigartig im Land, in seiner Größte und seinem Reichtum an Gemüse, Obst und Kräutern. Im Jahreswandel enthüllt der zauberhafte Schauplatz seine Wandelbarkeit. Betritt man den Titelort der gemächlichen Dokumentation, scheint es fast, als betrete man eine andere Epoche. Der Garten des im 17. Jahrhundert errichteten Landsitzes von Dordwijk gehört zum Restaurant Villa August. In den letzten 15 Jahren restaurierte der Besitzer Daan van der Have das Anwesen, das sich heute wieder in altem Glanz zeigt. Die ursprüngliche Form der Pflanzenaufzucht und -pflege hat hier Bestand. Die Aufgaben liegen buchstäblich in den Händen des 85-jährigen Jan Freriks. Mit Präzision und Gewissenhaftigkeit kümmert er sich um Aussaat und Ernte der Pflanzen. Es ist eine Aufgabe von hoher Verantwortung, deren ungeheures Ausmaß sich erst stückweise erschließt.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Kulinarisches Kino
Foto: Rosie Stapel


And-ek Ghes...And-ek Ghes...
"Eines schönen Tages..." bedeutet der Titel der experimentellen Mixtur aus Familienvideos und Laienschauspiel. Es ist ein Erstlingswerk für den Mann hinter der Kamera oder genauer gesagt: den Mann mit der Kamera in der Hand. Colorado Velcu filmt die Ankunft seiner rumänischen Familie in Berlin und die ersten Wochen in dem neuen Zuhause. Initiator des semi-dokumentarischen Projekts ist Filmemacher Philip Scheffner, der im Forum der diesjährigen Berlinale mit dem ebenfalls zwischen Fiktion und Reportage driftenden "Havarie" vertreten ist.
Scheffner, der auf der Berlinale 2012 mit seiner Doku "Revision" beeindruckte, fungiert hier offiziell ausschließlich als Produzent. Allerdings scheint die Familie Veclu zu glauben, sie solle nicht nur ihren Alltag dokumentieren, sondern nachgestellte Szenen im Stil einer Mockumentary drehen. Oder vielleicht sogar einen Amateurfilm? Das Resultat ist eine Art überlanges Heimvideo, bei dem man oft nicht weiß, wo der Spaß aufhört und der Ernst des Lebens anfängt.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Forum
Foto: Khaled Abdulwahed


GoatGoat
Als vor gut zwölf Jahren die ersten Bilder aus dem Gefängnis Abu Ghraib publik wurden, die einen Folterskandal von ungeahnter Brutalität belegten, begann eine massive Debatte um staatliche Gewalt in einem Land mit demokratischer Regierungsform. Dabei ist das Gewaltproblem in den USA eines, das sämtliche Bereiche der Gesellschaft betrifft - nicht nur den Umgang mit Gefangenen. Der Global Peace Index, der anhand verschiedenster Kriterien über die Friedfertigkeit von Ländern Auskunft gibt, sieht die USA aktuell auf Platz 94 von 162. Zum Vergleich: Deutschland erreicht Platz 16, Dänemark Platz 2, Island Platz 1. Andrew Neel fragt in "Goat" nach der Herkunft von Brutalität und Sadismus - und entwirft ein erschreckend realistisches Bild einer Gesellschaft, in der sich Männlichkeit vor allem über Härte gegenüber sich selbst und anderen definiert. "Goat" erschüttert auch deswegen nachhaltig, weil für die introvertierte Hauptfigur, den 19-jährigen Brad, kein Gegenentwurf lebbar, ja, nicht einmal denkbar erscheint.
Von Jasmin Drescher.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Panorama Special
Foto: Berlinale


An Outpost of ProgressAn Outpost of Progress
Für seine bittere Parabel auf Arroganz und Absurdität des Kolonialismus ließ sich der portugiesische Regisseur Hugo Vieira da Silvas sowohl von Joseph Conrads gleichnamiger Kurzgeschichte inspirieren als auch vom Wissen um das eigene nationale kolonialistische Erbe. "Afrika ist ein Gespenst, das meine Generation immer noch verfolgt", sagt der junge Filmemacher. Das Gespenst der Vergangenheit ist für seine Protagonisten lebendige Realität.
Die zweistündige Story schwebt zwischen geisterhaftem Dschungelfilm und grotesker Posse. Wie zwei kümmerliche Clowns stehen die beiden Hauptfiguren zu Beginn in ihren identischen weißen Kolonialuniformen am Kai des titelgebenden Außenpostens. Hier sind sie nun Herren und zugleich Ausgelieferte ihres eigenen Größenwahns und ihrer Gier. Der eine fett und schwitzend, der andere hochgewachsen und manieriert: Sant'Anna (Ivo Alexandre) und der junge João de Mattos (Nuno Lopes) sind auf den ersten Blick ein kurioses Gegensatz-Paar und dennoch unverkennbar aus demselben Holz geschnitzt. Die Männer sind Prototypen der kolonialen Selbstherrlichkeit, die in der Isolation des Dschungels ihrem eigenen Wahnwitz ausgeliefert ist.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Forum
Foto: Berlinale


Der müde TodDer müde Tod
Mit Fritz Langs phantastischem Kinostück gelangt ein lange verkannter Klassiker der Stummfilmzeit dank der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung wieder ans Licht der Leinwand. Gleich einem düsteren Märchen entfaltete sich die 1921 uraufgeführte Geschichte, die in drei Episoden die beiden zentralen Motive der Romantik, Liebe und Tod, miteinander ringen lässt.
Die Rahmenhandlung beginnt in einem Gasthaus, wo eine junge Frau (gespielt von der aus "Das Kabinett des Dr. Caligari" bekannten Lil Dagover) und ihr Liebster (Walter Janssen) auf einen unheimlichen Fremden (Bernhard Goetzke) treffen. Die hagere Gestalt gesellt sich als ungeladener Gast zu ihnen und entführt, als die Frau einen Moment nicht Acht gibt, ihren Geliebten. Verstört begibt sie sich auf die Suche, die sie an die unsichtbare Grenze zwischen dem Diesseits und dem Totenreich führt. Doch ihre Zeit ist noch nicht gekommen, gebietet der Tod, der ihr den Weg versperrt.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Classics
Foto: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden


A Dragon Arrives!A Dragon Arrives!
"Geister haben mit mir nichts zu schaffen", sagt Sound-Designer Keyvan (Ehsan Goudarzi), als er den spukhaften Handlungsschauplatz betritt. Geister vielleicht nicht, doch unter dem alten Wüsten-Friedhof von Mani Haghighis schillerndem Neo-Noir liegt ein Ungetüm wie aus einem Alptraum Hölderlins und die Erde erzittert, wenn in ihr ein Toter begraben wird...
Niemand auf der abgelegenen persischen Insel Qeshm begräbt eine Leiche in dem verfluchten Boden, bis zum Tag, als der junge Detective Babak Hafizi (Amir Jadidi) in seinem orangefarbenen Chevy auftaucht. In grauem Anzug und Trilby sieht er aus wie ein Charaktertyp aus der Schwarzen Serie. Sein Helfer Keyvan hingegen scheint mit seinem hippie-esken Outfit direkt aus den 70ern zu kommen. Das Handlungsjahr ist 1964. Doch an einem Ort, wo ein uraltes Schiffswrack mitten in der Wüste verwittert und seine portugiesische Mannschaft nicht unweit begraben liegt, können diese zwei einander begegnen.
Von Lida Bach.
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Abbas Kosari


GeniusGenius
Da steht er im Gang des Verlagsgebäudes von Scribner's Sons und schreit einfach drauflos. Er reißt die Arme in die Luft, geht in die Knie und schreit vor Freude so laut, dass es Verleger Maxwell Perkins noch durch die gemauerten Wände hören kann. Dieser hält inne, für den Bruchteil einer Sekunde vielleicht. Weder verdreht er die Augen, noch seufzt er oder hebt die Augenbrauen. Und lässt den Zuschauer doch unmissverständlich wissen, dass derlei Gefühlsausbrüche absolut nicht seine Sache sind. Ganz im Gegensatz zum gerade von ihm entdeckten Schriftsteller Thomas Wolfe, aus dem alles ungehemmt heraussprudelt: Wörter, Sätze, Gefühle, Meinungen, Urteile. Michael Grandage, bislang der Theaterarbeit zugetan, inszeniert in seinem Filmdebüt eine Arbeits- und Machtbeziehung zwischen zwei Männern, die vor allem von der komplementären Charakterzeichnung und beeindruckenden Schauspielkunst Colin Firths und Jude Laws lebt. "Genius" ist gut gemachte Unterhaltung mit einigen Schwächen - genial ist er nicht.
Von Jasmin Drescher.
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Marc Brenner/Pinewood Films


Die GeträumtenDie Geträumten
"Ich gehöre zu den Menschen, den altmodischen, die den Brief noch für ein Mittel des Umgangs halten, der schönsten und ergiebigsten eines." Es ist Rainer Maria Rilke, der hier so leidenschaftlich sein Plädoyer für das Medium Brief einleitet. Dass eine Korrespondenz per Brief auch im Whatsapp-Zeitalter noch das Interesse zweier junger Menschen zu wecken vermag, ist die Arbeitshypothese von Ruth Beckermann. Die österreichische Regisseurin lässt den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan im Wechsel vom Schauspieler Laurence Rupp und der Musikerin Anja Plaschg lesen. Die Kamera ist als unaufdringlicher Begleiter dabei, erfasst ruhig, was geschieht - auch in den Pausen. "Die Geträumten" erweckt eine vergangene Liebe zum Leben, die vom Ringen um Worte zum Ausdruck des eigenen Inneren bestimmt ist. Gleichzeitig setzt er auf die transformative Kraft der Worte. Auf der diesjährigen Berlinale laufen einige Filme, die behaupten, sich mit Literaten und ihren Beziehungen, auch ihrem literarischen Schaffen zu befassen. Dieser hier tut es wirklich.
Von Jasmin Drescher.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Forum
Foto: Ruth Beckermann Filmproduktion


Zero DaysZero Days
Ja, er sei wütend, sagt Alex Gibney auf der Pressekonferenz auf der Berlinale. Wütend über das unglaubliche Ausmaß an Geheimhaltung in den USA und darüber, wie es etwas Zwanghaftes geworden sei, das der Demokratie schadet. Sein packender Cyber-Thriller konzentriert sich nominal auf den Computer-Wurm Stuxnet. Dahinter jedoch steht ein neues Postulat gegen Obskurantismus.
Unterschwellig spielten die Mechanismen von Geheimhaltung und Vertuschung bereits in mehreren Filmen des umtriebigen Regisseurs eine Schlüsselrolle. "Taxi to the Dark Side", für den er 2008 einen Oscar gewann, "Casino Jack and the United States of Money" (2010), "We steal Secrets: The Story of WikiLeaks" (2013) und zuletzt "Going Clear: Scientology and the Prison of Believe" (2014) behandelten alle neben ihrer spezifischen Thematik die politischen, sozialen und humanen Konsequenzen von großangelegter staatlicher oder klerikaler Verschleierungstaktik.
Von Lida Bach.
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Berlinale


HavarieHavarie
Womöglich wollen der Dokumentarfilmer Philip Scheffner und die Berliner Autorin Merle Kröger dem Publikum mit ihrem zweigleisigen Projekt "Havarie" einen Eindruck davon geben, wie es sich anfühlt, verloren auf dem Mittelmeer zu treiben. Womöglich wollen sie etwas Elementares vermitteln über den Umgang mit flüchtenden Menschen, die gefangen sind zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen einem neuen Leben und dem Tod. Oder vielleicht ist alles einfach nur gutes Marketing.
Der Film entstand aus der gemeinsamen Recherche Scheffners und seiner Lebenspartnerin Kröger, deren Buch auf Platz Eins der KrimiZeit-Bestenliste steht. Neben dem Titel scheinen die beiden Werke allerdings vor allem gemein zu haben, dass etwas auf hoher See treibt. Im Buch sind es vier Schiffe, deren Reiserouten sich zufällig kreuzen. Jede Besatzung steht für eine spezielle Perspektive auf die Flüchtlingslage.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Forum
Foto: pong


A Quiet PassionA Quiet Passion
Dass Schreiben ein Substitut für Leben sei, gehört zu den Topoi, die scheinbar nicht aus der Welt zu schaffen sind. Der Poet hat zu schweigen, zu empfinden und das Empfundene in seinem Innersten in Literatur zu verwandeln - an der Welt teilhaben soll er nicht. Emily Dickinson, zu ihren Lebzeiten wenig rezipiert, mittlerweile jedoch zum Kanon der großen amerikanischen Lyrik zählend, gehört zu den Dichterinnen, denen gerne Weltabgewandtheit zugeschrieben wird; auch wenn die Quellenlage, auf die sich die Literaturgeschichtsschreibung stützen kann, in dieser Hinsicht keineswegs eindeutig ist. Terence Davies stolpert bei seinem ungelenken Versuch, eine eigenwillige Literatin zu porträtieren, von einer anfänglich charmanten Komödie leider viel zu schnell in die Klischeefalle. Dies ist umso bedauerlicher, als Dickinsons Gedichte einen Blick auf die Welt offenbaren, der im 19. Jahrhundert modern, ja, bisweilen kühn gewirkt haben muss. Bei Davies wird sie zur isolierten Gestalt, die aus eigenem Antrieb und durch die Rigidität ihrer hohen Ansprüche verhärmt und verhärtet.
Von Jasmin Drescher.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Berlinale Special Gala
Foto: Johan Voets, A Quiet Passion Ltd/Hurricane Films 2016


Soy NeroSoy Nero
Das Identitätsbewusstsein, das Rafi Pitts dem Hauptcharakter seines existenzialistischen Dramas im Titel zuspricht, enthüllt sich in der kargen Szenerie als brüchiges Konstrukt. Die harsche Coming-of-Age-Story filtert durch das konzentrierte Auge der Kamera den Zynismus der amerikanischen Grenzpolitik heraus und zeigt den verzweifelten Kampf des Hauptcharakters (Johnny Ortiz) als aussichtslose Jagd innerhalb eines Teufelskreises.
In diesem perfiden System kann der junge Mexikaner Nero höchstens seine Position ändern, nicht jedoch ihm entkommen. Diese bittere Gewissheit zeigt nicht nur die Geschichte des illegalen Einwanderers, der für die amerikanische Staatsbürgerschaft in den Krieg zieht. Die elliptische Handlung vermittelt ein Gefühl von Unausweichlichkeit, die jede Entscheidung des Protagonisten im Grunde alternativlos scheinen lässt. Regisseur und Drehbuchautor Pitts ("Zeit des Zorns") teilt den Plot in zwei Akte, die fast zwei unterschiedliche Filme sein könnten.
Von Lida Bach.
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Berlinale


Lao ShiLao Shi
Die schönsten Momente erlebt Lao Shi ganz zuletzt: Er sieht einen Schwarm weißer Vögel vorüberziehen, seine Frau kommt mit liebevollem Gestus auf ihn zu, seine Tochter übt, ein Stück entfernt, grazil Ballett. Es ist die tröstliche Vision eines Schwerverletzten, der blutüberströmt auf dem Asphalt liegt. Ein Paar schwarzer Lackschuhe wird Lao Shi noch sehen, die ein paar Schritte auf ihn zu gehen, sich dann aber entfernen. Wer gehofft hat, diesem modernen Hiob würde wenigstens ganz zum Schluss Gerechtigkeit widerfahren, wer geglaubt hat, nun endlich helfe jemand dem Altruisten, hat sich bitter getäuscht. Regisseur Johnny Ma inszeniert hier keine Parabel, in der das Gute zumindest einen Teilsieg davon trägt. Sein nihilistischer Plot beschreibt eine unerbittliche Welt Spencerschen Ausmaßes, in der jemand, der nicht ausschließlich egoistisch handelt, nur eine Option hat: zu verlieren.
Von Jasmin Drescher.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Forum
Foto: Berlinale


Jeder stirbt für sich allein (2016)Jeder stirbt für sich allein (2016)
Regisseur Vincent Perez erzählt in seinem Historiendrama eine wohlbekannte Geschichte, die bis heute so manche Anhänger findet. Es ist nicht die von Hans Falladas zugrundeliegendem Roman "Jeder stirbt für sich allein", sondern das Lügenmärchen, das die Filmadaption daraus strickt: vom stillen Widerstand der Deutschen gegen Hitler und den Nazis als bemitleidenswerten Gutgläubigen, die hinters Licht geführt wurden.
Die Opfer in der abgeschmackten Literaturverfilmung sind nicht die jüdische Nachbarin Frau Rosenthal, die sich im Handlungsjahr 1940 im Dachgeschoss einer Berliner Wohnung versteckt hält und sich schließlich aus dem Fenster stürzt. Nicht Herr Rosenthal, der abgeholt wurde und nicht die jüdischen Mitbürger, die enteignet, terrorisiert und ermordet wurden und werden. Die Opfer sind andere...
Es wundert nicht, dass Falladas Roman nach dem Erscheinen 1946 hierzulande zum Bestseller wurde. Für all die Mitläufer und Parteigänger ist er die perfekte Apologie. Es gibt keine guten Nazis. Höchstens im Kino.
Von Lida Bach.
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Marcel Hartmann, X-FIlme Creative Pool


Anders als die Andern (1919)Anders als die Andern (1919)
Richard Oswalds Stummfilm, der in frisch restaurierter 35-mm-Kopie auf der Berlinale gezeigt wird, ist ein besonderes Geschenk: zum 30. Geburtstag des Teddy-Awards und für das Kino. Am 28. Mai 1919 feierte die Mischung aus Lehrfilm und Drama in Berlin Premiere. Prominent besetzt mit Conrad Veidt, den das damalige Publikum ein Jahr später als Cesare in "Das Kabinett des Dr. Caligari" sah, Anita Berber und Sexualforscher Dr. Magnus Hirschfeld, war "Anders als die Andern" ein aufsehenerregender Film, nicht nur allein aufgrund seiner Thematik.
Tatsächlich war der erste bekannte Film, der Homosexualität direkt thematisierte, Teil einer Welle von Aufklärungs- und sogenannten Sensationsfilmen, die nach Abschaffung der Filmzensur im Jahr 1918 entstehen konnten. Oft beschäftigten sich diese Werke, von denen viele heute nur durch Poster und Werbematerial präsent sind, mit ganz alltäglichen Tragödien.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Panorama - 30 Jahre Teddy
Foto: Berlinale


Letters from WarLetters from War
Edelmütig und erhaben sollen die Briefworte, die aus António Lobo Antunes "Leben, auf Papier beschrieben" verlesen werden, klingen. Doch die schwarz-weiße Prätention von Ivo M. Ferreiras Bilderkosmos erzeugt statt Atmosphäre nur schläfrige Monotonie. Nicht das Drama Krieg und auch kein Liebeszeugnis werden auf der Leinwand vorgeführt, sondern ein antiquiertes Ideal des Soldaten als tragischen Helden.
"Die Briefe in diesem Buch wurden von einem 28-jährigen Mann in der Vertrautheit seiner Beziehung zu seiner Ehefrau geschrieben, isoliert von allem und jedem für zwei Jahre während des Kolonialkriegs in Angola", stellen die Töchter des Autors, Maria José und Joana Lobo Antunes, der Verfilmung voran. "Ohne je daran zu denken, dass sie eines Tages von jemand anderem gelesen werden würden." Diese ungesicherte Behauptung rückt die (Selbst)Darstellung des Protagonisten und Erzählers in das Licht eines authentischen Tatsachenberichts. Allerdings beschleicht einen früh das Gefühl, das an dem schwülstigen Briefroman so einiges konstruiert und romantisiert ist.
Von Lida Bach.
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Berlinale


24 Wochen24 Wochen
Es sei nur Schicksal, sagt ein Kinderchirurg, mit dem Astrid (Julia Jentsch) spricht. Die starke Hautfigur von Anne Zohra Berracheds nuanciertem Drama wird später ihrer kleinen Tochter Nele (Emilia Pieske) sagen: "Manchmal macht die Natur solche Sachen." Eine solche Sache ist das Leid, das bevorsteht, wenn Astrid ihr Baby austrägt: ihr selbst, ihrer Familie, vor allem aber dem schwerst behinderten Kind. Es sei denn, sie entschließt sich anders.
Mit der schmerzlichen Entscheidungsfindung befasst sich die Regisseurin in ihrem ebenso einfühlsamen wie informiertem Porträt. Dessen Zentrum ist die beeindruckende Julia Jentsch, die von Überschwang bis Verzweiflung alle Emotionen meistert. Ihre Figur ist weit entfernt von den Stereotypen um Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch in Betracht ziehen. Die Kabarettistin Astrid steht beruflich und privat fest im Leben. Sie ist das Gegenteil all der fiktionalen psychisch und sozial labilen Frauenfiguren, die abtreiben, weil sie liebesunfähig und lebensuntauglich sind.
Von Lida Bach.
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Friede Clausz


KaterKater
Wie viel Glück verträgt ein gemeinsames Leben? Diese Frage mag merkwürdig anmuten - ist doch der Zustand, in dem Stefan und Andreas ihre Tage verbringen, einer, nach dem sich jeder sehnt. Der Hornspieler und der Disponent beim Orchester lieben einander, ihren getigerten Kater Moses und die Musik. Gemeinsam pflücken sie Kräuter in ihrem üppigen Garten, bekochen Freunde, liegen auf der Couch und philosophieren über Mahlers sechste Sinfonie. "Die würd ich so gern mal spielen", bekundet Stefan. "Die ist groß", pflichtet Andreas ihm bei. Stefan zweifelt an sich, Andreas tröstet ihn: "In zwei Jahren." - "In zwei Jahren? Meinst?" fragt Stefan hoffnungsvoll. Die Nähe und Zuneigung zueinander ist tief empfunden. Doch eines Tages bricht jäh die Gewalt in dieses bukolische Dasein ein: Sie kommt nicht von außen, sondern von Stefan. Händl Klaus porträtiert in seinem zweiten Film meisterhaft eine große Liebe, die von der Ungewissheit immer fester und unerbittlicher umschlossen wird.
Von Jasmin Drescher.
Ein Film der Sektion Panorama Special der 66. Berlinale 2016
Foto: coop 99 filmproduktion


L'AvenirL'Avenir
"Der radikale Verlierer" heißt eines der Bücher, in das sich die alternde Philosophie-Lehrerin Nathalie (Isabelle Huppert) vertieft. Das Cover, das Regisseurin und Drehbuchautorin Mia Hansen-Love dem Zuschauer entgegenhält, verweist auf die spießbürgerlichen Konzepte von Protagonisten und Plot ihrer seichten Hommage an die Bourgeoisie.
Radikalismus oder die soziale Ambition, die Nathalie als solchen abkanzelt, sei etwas, worüber sie hinweg sei. Wenn die privilegierte 55-Jährige diese Worte mit wohlgewählter Herablassung gegenüber einer jungen Studentin äußert, spricht sie indirekt zugleich für die Filmemacherin. Letzte hat die adrette Salongeschichte scheinbar einzig konstruiert, um diesen und ähnliche bürgerliche Glaubenssätze zu lehren. So wie Nathalie, die an einem Pariser Lycée ihren Schülern den malerischsten, produktivsten, einfach wunderbarsten Unterricht der Welt gibt - wenn man sie denn nur lässt.
Von Lida Bach.
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Berlinale


HediHedi
Wie der Hauptcharakter seiner allegorischen Kinoromanze drückt Regisseur Mohamed Ben Attia seine Intentionen lieber mit Bildern aus als mit Reden. Sogar seine Worte sind oft mehr Wortbilder, die unterstreichen, was die schlichte Handlung offenbar macht. Eines ist der Name des Protagonisten Hedi (Majd Mastoura), der zugleich seinen Seelenzustand und die filmische Atmosphäre beschreibt. Hedi bedeutet ruhig. Es meint sowohl die Ruhe vor dem Sturm der Gefühle, die den jungen Tunesier ergreifen werden, als auch die Ruhe nach dem Sturm der Revolution, die 2010/2011 das Land ergriff.
Das Ringen des wachgeküssten Protagonisten um und mit seiner persönlichen Freiheit wird zur Metapher für das Bestreben von Tunesiens junger Generation, sich ihre Selbstbestimmtheit und eigene Perspektiven zurückzuerobern. Es ist auch dramaturgisch ein Bild in simplen Zügen, aber dennoch ein ansehnliches.
Von Lida Bach.
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Frédéric Noirhomme/Nomadis Images/Les Films du Fleuve/Tanit Films


The Ones BelowThe Ones Below
Sobald man den giftgrünen Kunstrasen sieht, weiß man Bescheid. Selbst die Kritikerkollegen, die vor einer Pressevorführung nicht einmal den Namen des Regisseurs lesen, um möglichst unvoreingenommen in den Film zu gehen, wissen, was in David Farrs Thriller mit den titelgebenden Hausmitbewohnern los ist. Die sind Psychos!
Der hässliche Kunstrasen, den die hochschwangere Kate (Clemence Poésy) mit einem unguten Vorgefühl betrachtet, ist nur das erste Warnsignal. Weitere Vorzeichen folgen quasi im Minutentakt, nachdem die Wohnung im Erdgeschoss des Londoner Hauses von Kate und ihrem Freund Justin (Stephen Campbell Moore) bezogen wurde.
"The Ones Below" wirkt, als sei ein erheblicher Teil der Story rausgeschnitten worden, um den Film auf verträgliche 87 Minuten zu trimmen. Nach dem zu urteilen, was man von der Straight-To-DVD-Ware sieht, muss man leider sagen: Hauptsache nicht mehr davon.
Von Lida Bach.
Ein Film der Sektion Panorama der 66. Berlinale 2016
Foto: The One Below Limited


Qapirangajuq: Inuit Knowledge and Climate ChangeQapirangajuq: Inuit Knowledge and Climate Change
"Wissenschaftler reden über den Klimawandel mittels Studien über Umweltverschmutzung und Gifte. Inuit hingegen sprechen über die Auswirkungen, die in unserem Lebensalltag auftreten." Dieser bezeichnende Unterschied in Beobachtung und Kommunikation ist der Ausgangspunkt der faszinierenden Natur-Doku über das Wissen der Ureinwohner jener Regionen, in denen die globale Katastrophe am deutlichsten spürbar wird.
Filmemacher Zacharias Kunuk ("Atarnajuat - Die Legende vom schnellen Läufer"), selbst Inuk, und der Umwelt-Aktivist und Naturforscher Ian Mauro dokumentieren gemeinsam die sozialen und ökologischen Veränderungen einer Kultur, die womöglich dem Untergang geweiht ist. Diese düstere Prophezeiung betrifft dabei nicht nur die Ureinwohner Grönlands und Kanadas. Sie trifft die gesamte menschliche Bevölkerung. "Wenn wir unsere Natur verlieren, können wir nicht überleben", sagt einer der Inuk. Sie teilen in ihrer Muttersprache das Wissen und die Erkenntnisse und machen den Film damit zugleich zu einem Dokument ihrer Sprache.
Von Lida Bach.
Ein Film der Sektion NATIVe der 66. Berlinale 2016
Foto: Igloolik Isuma Productions


Noma - My Perfect StormNoma - My Perfect Storm
"Essen ist alles", heißt es einmal in Pierre Deschamps' abendfüllender Lobeshymne auf das Kopenhagener Gourmet-Restaurant Noma. Solche Aussprüche klingen, als ob jemand zu oft "Die kleine Raupe Nimmersatt" gelesen hat und das Kinderbuch einen Tick zu ernst nahm. Doch der filmische Blick hinter die Kulissen des Weltspitzen-Lokals geht mit seiner Ideologisierung der Nahrung und ihrer Zubereitung noch weiter: "Essen ist eine Metapher dafür, wie wir mit der Welt interagieren."
Falls dies zutrifft, erschließt sich aus der Art und Weise, wie im Noma mit Essen umgegangen wird, kein schmeichelhafter Eindruck von dessen Chefkoch René Redzepi. Er serviert in seinem oft Monate im Voraus ausgebuchten Gourmet-Tempel zu schwindelerregenden Preisen Menüs, deren einzelne Gänge irgendwo zwischen einem Stück frisch eingesammelter Natur (lebendige Ameisen) und nordischer Hausmannskost liegen.
Von Lida Bach.
Ein Film der Sektion Kulinarisches Kino der 66. Berlinale 2016, Deutschlandpremiere
Foto: Pierre Deschamps


The First, the LastThe First, the Last
Zwei gealterte Kopfgeldjäger auf der Jagd, zwei Kleinkriminelle auf der Flucht und dazu eine Gang von schmierigen Vorstadtschlägern. Ihre Wege kreuzen sich vor dem tristen Hintergrund grauer Landschaften, abbruchreifer Gebäude und Betonstraßen. Viel geredet wird nicht und der Soundtrack macht auf Spätwestern. Die Szenerie ist hässlich, die Charaktere noch mehr. So überrascht es kaum, dass Bouli Lanners' rauer Krimi kein sonderlich unterhaltsamer Anblick wird.
Die trockene Story um die Auftragskiller Cochise (Albert Dupontel) und Gilou (Bouli Lanners), die ein gestohlenes Handy wiederbeschaffen sollen, prahlt geradezu mit ihrer Ruppigkeit. Die starren Aufnahmen von Kameramann Jean-Paul de Zaeytijd erwecken den Eindruck, der Regisseur habe mehr Mühe in die Suche nach der idealen deprimierenden Location investiert, als in die Konstruktion der Handlung.
Von Lida Bach.
Ein Film der Sektion Panorama der 66. Berlinale 2016, Internationale Premiere
Foto: Kris Dewitte



Aktuelle Filme (Fortsetzung)


SuffragetteSuffragette
Die längst überfällige Verfilmung der historischen Ereignisse rund um den vergleichsweise frühen und wagemutigen Kampf fürs Frauenwahlrecht der britischen "Suffragettes" 1912 (in Deutschland begann man damit erst 1918, und dann vielleicht auch nur wegen der unerschrockenen Vorkämpferinnen aus England) ist filmisch leider weniger beeindruckend als erhofft, aber politisch wichtig, da er immer noch aktuell ist. Wenn man sieht, mit welch barbarischen Methoden man noch Anfang des 20. Jahrhunderts Frauen unterdrückte, dann versteht man, warum sich der Kampf um Gleichberechtigung bis in die heutige Zeit hineinzieht und immer noch nicht am Ziel ist.
"Suffrage" ist das englische Wort für "Wahlrecht". Englische Frauen verlangten fünfzig Jahre lang auf friedlichem Wege die Wahlbeteiligung und wurden dafür verspottet und beschimpft, man machte sich über sie lustig.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Concorde Filmverleih


Die Schüler der Madame AnneDie Schüler der Madame Anne
Das Grundschema ist bekannt aus zahlreichen Schulfilmen, von "Der Pauker" über "Der Club der toten Dichter" bis zu "Fack ju Göhte": Eine schwierige Klasse bekommt den richtigen (guten) Lehrer (bzw. Lehrerin), wird gezähmt und schwingt sich zu ungeahnten Leistungen auf. Aber wenn das Ganze gut gemacht ist, sieht man es immer wieder gern. So auch hier. Die Rede ist von dem Film "Die Schüler der Madame Anne" aus dem Jahre 2014.
Das Gymnasium Léon Blum im Pariser Vorort Créteil ist eine Multi-Kulti-Schule, die in einem sozialen Brennpunkt liegt. Vom Äußeren her wirkt sie recht ansprechend, Beschädigungen und Graffiti sind kaum sichtbar. Dafür zeigen sich aber Probleme im Unterricht, z.B. in der Klasse 10, deren Klassenlehrerin Anne Gueguen heißt (Ariane Ascaride). Lust aufs Abi hat hier kaum jemand.
Von Manfred Lauffs.
Foto: Neue Visionen Filmverleih


Mademoiselle Hanna und die Kunst, Nein zu sagenMademoiselle Hanna und die Kunst, Nein zu sagen
"Je suis à vous tout de suite" heißt das Langfilmdebüt der französischen Regisseurin Baya Kasmi im Original. Der willkürliche deutsche Verleihtitel macht dabei ausnahmsweise mal mehr Sinn als der echte. Zu der wirren Beziehungsklamotte sagt man als Zuschauer besser Nein. Eine Kunst ist das angesichts der unzusammenhängenden Story wahrhaftig nicht. Genauso wenig wie die oberflächliche Abhandlung einer ganzen Reihe brisanter Themen durch Kasmi und Co-Drehbuchautor Michel Leclerc. Den beiden bescheinigt das Pressematerial "Talent für die komödiantische Umsetzung gesellschaftlich relevanter Stoffe". Beim Talent wagt man zu zweifeln, aber relevante Stoffe hält der irritierend zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her springende Plot in der Tat bereit: Kindesmissbrauch, Familienfehde, religiöse Konflikte, Organspende ohne Einwilligung des Empfängers, Prostitution, dazu ein bisschen Drogendealerei und Körperverletzung... waren da noch mehr? Nach 100 Minuten weiß man es kaum.
Von Lida Bach.
Foto: X-Verleih


The Revenant - Der RückkehrerThe Revenant - Der Rückkehrer
Bäume und Felsen, eisige Kälte, reißende Wasser, Schnee und Eis. Weit weg von der Zivilisation, wo nur noch das eigene Gewissen die Grenze zwischen Gut und Böse ist, kann sich die animalische Seite des Menschen zeigen und ihr böses Ansinnen entfalten. Hier spielt sich die Geschichte des "Wiederkehrers" ab, der, von Biest und Mensch niedergemetzelt, es wieder und wieder schafft, ins Leben zurückzukehren, mit einem schier unbesiegbaren Überlebenswillen, um das Böse zu besiegen. Ein ebenso meisterhafter wie ungemein harter Film, der auch den Zuschauer an die Grenzen des Erträglichen führt. Der schillernde mexikanische Regisseur Alejandro G. Inárritu, der herausragende Werke wie "Biutiful" oder "21 Gramm" schuf, der für den untypischen "Birdman" etliche "Oscars" erhielt, den Tod und Surrealismus faszinieren, widmet sich jetzt dem Überlebenskampf des Trappers Hugh Glass, einer historisch realen Persönlichkeit.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Twentieth Century Fox of Germany



Neue Rezensionen (Fortsetzung)


Extraordinary Tales
Ein Zwiegespräch auf dem Friedhof: Edgar Allan Poe, der Rabe, sieht sich konfrontiert mit dem Tod. Am Ende eines langen verbalen Schlagabtauschs steht nicht weniger als die Frage nach der Unsterblichkeit des Dichters. Die Antwort fällt doppeldeutig aus: "Nimmermehr", spricht der Rabe. Der Körper des Schriftstellers ist vergänglich, seine Texte werden ihn überdauern.
Was Filmadaptionen betrifft, hat die Zugkraft Poes seit dem Höhepunkt in den Sechzigerjahren nachgelassen. Mit "Extraordinary Tales", fünf Episoden, gerahmt von dem Gespräch zwischen Rabe und Tod, leistet Raul Garcia einen Beitrag, Poe am Leben zu erhalten, wobei seine Umsetzung insofern eine Besonderheit darstellt, als es sich um einen reinen Animationsfilm handelt. Dass der Regisseur fünf der bekanntesten Kurzgeschichten ausgewählt hat - keine Vorlage, die nicht bereits verfilmt wäre -, Geheimtipps also ausbleiben, erweist sich als unproblematisch.
Von Marcus Gebelein.

Leoparden küßt man nicht
Ein junger, zunächst biederer Wissenschaftler, dessen Verlobte ihn an die Arbeit kettet. Eine junge Frau, die sich in den Mann verliebt - und ihn ebenfalls an etwas bindet: an sich selbst. In wilder, vergnüglicher Weise macht sie ihn von sich abhängig. Dazu kommen ein zahmer Leopard namens Baby, ein Foxterrier namens George, ein lange gesuchter Dinosaurier-Knochen und zahlreiche verschrobene Gestalten, die alle in die von der Frau ausgehenden Wirrnisse mit hineingezogen werden. Diese Mixtur schrieb Filmgeschichte. Kaum zu glauben: "Leoparden küßt man nicht" (Originaltitel: "Bringing Up Baby") floppte 1938 im Kino. Doch er war seiner Zeit ganz einfach weit voraus. Heute ist der Film mit den gut aufgelegten Hauptdarstellern Katharine Hepburn und Cary Grant die Definition für Screwball-Komödien.
Von Michael Dlugosch.

The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben
"Wenn Sie auch nur ein Wort darüber verlieren, was sie hier wirklich tun, werden Sie wegen Hochverrats hingerichtet", lässt Geheimagent Menzies die beiden Job-Aspiranten wissen. "Und was ist es, was wir wirklich tun?" erkundigt sich Neuankömmling Joan schüchtern. "Oh - wir entschlüsseln einen nicht entschlüsselbaren Nazi-Code und gewinnen den Krieg", erklärt Mathematiker Alan Turing gespielt lapidar. Das Knacken der Einstellungen der deutschen Enigma-Maschine steht im Zentrum der Handlung von "The Imitation Game". Von den Deutschen während des Zweiten Weltkriegs zur Kodierung der gesamten Militärkommunikation genutzt, lieferte die Dekodierung durch die Briten den Alliierten Informationen, die den Krieg um geschätzte zwei Jahre verkürzten. "The Imitation Game" entfernt sich jedoch deutlich vom historischen Geschehen und darf nicht als Biopic missverstanden werden.
Von Jasmin Drescher.

Ein Sommer in der Provence
Ja natürlich: Fast alle Provence-Klischees kommen vor, die Olivenhaine, die typischen Speisen und Gewürze, die sonnendurchflutete karge Landschaft, schwarze Stiere, die über die Wiesen laufen, romantische Dorffeste ... aber sie stimmen ja auch alle und geben somit der ganzen Geschichte ihre wichtigen Ingredienzien. Für die Teenager Léa (Chloé Jouannet), Adrien (Hugo Dessioux) und ihren taubstummen kleinen Bruder Théo (Lukas Pelissier) beginnen die Sommerferien. Zum ersten Mal fahren sie in die Provence zu ihrem Großvater Paul (Jean Reno), den sie wegen eines Familienzwistes gar nicht persönlich kennen. Das nächste Kino ist 10 km entfernt, der Internetzugang ist begrenzt. Das ist nicht der coole Urlaub, den sie sich gewünscht sich haben, selbst wenn Großmutter Irène (Anna Galiena) in Gegensatz zu ihrem grantigen Mann die Kinder mit Freude empfängt.
Von Manfred Lauffs.

 



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