Aktuelle Filme


Ma FolieMa Folie
Eine junge Frau lernt einen gleichaltrigen Mann kennen. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Doch seine Eifersucht führt zur Trennung. Er kann aber nicht loslassen. Er wird zum Stalker. Oder? Dass Regisseurin Andrina Mracnikar Schülerin Michael Hanekes ist, merkt man sofort in ihrem Debütfilm "Ma Folie". Sie inszenierte einen Psychothriller, aber mit mehr Betonung auf Psycho als auf Thriller, denn die weibliche Hauptfigur des Films steigert sich in einen Wahn, durch den sie genauso wenig wie der Zuschauer weiß, was noch real ist. Selbst das scheinbar enttäuschende Ende des grandios durchdachten Streifens spiegelt diese Paranoia wider.
"Ma Folie" gewann unter anderem den First Steps Award 2015 und war im selben Jahr für den Saarbrücker Max Ophüls Preis nominiert. Er hätte die Auszeichnung durchaus verdient gehabt.
Von Michael Dlugosch.
Foto: W-film/Extrafilm


Sworn VirginSworn Virgin
"Sprich nicht bevor ein Mann spricht. Wähle nicht bevor ein Mann wählt. Verweigere dich keinem Mann. Tue keine Männerarbeit. Trage kein Gewehr." Das sind die Gebote, die Hana und ihre Cousine Lila als Mädchen von Lilas Mutter lernen. Das verlangt der Kanun, das über Generationen überlieferte Brauchgesetz im Bergland Albaniens. In den abgeschiedenen Dörfern überdauert ein Rechtsverständnis, das bis ins finsterste Mittelalter zurückreicht - wenn nicht noch weiter, in eine chthonische Ära der Brutalität und Barbarei.
Regisseurin Laura Bispuri tastet sich in ihren Bildern an die Charaktere ebenso vorsichtig heran, wie Hana an die Ungezwungenheit der modernen Welt. Die herausragende Leistung Alba Rohrwachers, die nach dem Silbernen Bären verlangt, legt noch stärkeren Nachhall in die stille, doch essentielle Selbstbehauptung: "Jemand hat mir mal gesagt, wir sind freier als wir glauben."
Von Lida Bach.
Wettbewerbsfilm der 65. Berlinale 2015
Foto: Berlinale



Neue Rezensionen


Bach in Brazil
Damit hat der ehemalige Musiklehrer Marten Brückling (Edgar Selge) nicht gerechnet: Sein Jugendfreund, der vor Jahren nach Brasilien ausgewandert war, hat ihm ein wertvolles Notenblatt vererbt, eine Abschrift, persönlich von Johann Sebastian Bachs Sohn, Johann Christian Bach, angefertigt! Es ist das berühmte Arioso BWV (Bach-Werke-Verzeichnis) 1056. Die Bedingung allerdings lautet, dass Marten persönlich nach Brasilien kommen muss, um das Erbe in Empfang zu nehmen. Dazu hat er überhaupt keine Lust, aber seine ehemalige Kollegin Marianne (Franziska Walser) überredet ihn zu dem Flug, und er landet nach einer in hübscher Zeichentrickmanier dargestellten Reise in Ouro Preto in den brasilianischen Bergen. Leider wird er kurz vor der Rückreise überfallen und beraubt: Alle seine Papiere und das wertvolle Notenblatt sind weg! Als er im Krankenhaus aufwacht, bietet ihm jemand Hilfe an.
Von Manfred Lauffs.


Aktuelle Filme (Fortsetzung)


Café NaglerCafé Nagler
Die Großmutter von Regisseurin Mor Kaplansky war früher selbst Dokumentarfilmerin für das israelische Fernsehen. Doch die Geschichte, an die sie sich als alte Frau am liebsten erinnert, hat sie nie gedreht. Es ist die Geschichte des Titelorts, den ihre Eltern einst am Berliner Moritzplatz führten. Bevor das glanzvolle Kapitel der Familienhistorie völlig verblasst, sucht ihre Enkeltochter in Berlin nach den Spuren eines Ortes, den es so vielleicht nur in der Fantasie der Großmutter gab.
Mit den alten Anekdoten kramt die 86-Jährige die alten Teller wieder heraus. Auf ihnen steht von Schnörkeln umrahmt der Name des Cafés Nagler. So elegant wie auf dem Geschirr ist der Betrieb in der Gedankenwelt der alten Dame eingeprägt. Es war der Treffpunkt der Hautevolee und Bohemiens, erzählt sie. Einstein, Kafka, George Grosz und Alfred Döblin tranken dort morgens Kaffee und abends Likör.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Kulinarisches Kino
Foto: Edition Salzgeber


Mein Praktikum in KanadaMein Praktikum in Kanada
Der Finger wandert auf einer vergilbten Landkarte Nordamerikas. Langsam zoomt die Kamera immer näher an den Ort des Geschehens heran. Sichtbar werden Namen von Städten, Landstraßen und ihre Nummern und schließlich auch der Wahlbezirk Prescott-Makadewà-Rapides-aux-Outardes des Abgeordneten Guibord. Ein wenig erinnert es an den Geografieunterricht aus den Achtzigerjahren. So alt wie die Landkarte, so verschroben und eigenwillig sind die Wähler und Nichtwähler von Herrn Guibord.
Es sind die Dinge, die noch passieren werden, haucht dann eine Stimme aus dem Off und die Karte verschwindet. Als nächstes blicken die Zuschauer in ein hoffnungsvolles und strahlendes Gesicht eines dunkelhäutigen, altbacken gekleideten jungen Mannes mit einem blauen Lederkoffer: Souverain aus Haiti. Er schaut auf ein etwas in die Jahre geratenes Haus mit einem Dessousgeschäft im Erdgeschoss. Im ersten Stock befindet sich das Plakat seines milde lächelnden Zielobjekts: Herr Guibord persönlich.
Von Margarethe Padysz.
Foto: Arsenal Filmverleih


X-Men: ApocalypseX-Men: Apocalypse
"X-Men: Apocalypse" beschwört ein Weltuntergangs-Szenario herauf, das dank brillanter Digitaltechnik erschreckend realistisch dargestellt wird. Ein gottgleicher Mutant, En Sabah Nur, alias "Der Erste", oder "Apocalypse", scheinbar allmächtig und unbesiegbar, wiedererweckt nach Jahrhunderten des Vergrabenseins, ist enttäuscht von der waffenbeladenen, kriegsübersäten und geldgierigen Menschheit. Er beschließt, sie auszulöschen und neu zu erschaffen. Gegen diese Übermacht kommen nur die Mutanten der X-Men in Frage, die sich für eine Menschheit einsetzen sollen, die Mutanten ablehnt.
Biblische Botschaften durchziehen neuere Science-Fiction-Filme, und verleihen ihnen so eine geheimnisvoll-mystische Ebene, verbunden mit einer Botschaft der Verbesserung der Welt, der Überwindung menschlicher Schwächen. Wenn der Kampf zwischen Gut und Böse - so auch in "Star Wars" - anfangs außen stattfindet, so ist es eine Wendung, dass die Geschichtenschreiber den Schauplatz ins Innere verschieben, in die Seele des Einzelnen.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Twentieth Century Fox of Germany


Angry Birds - Der FilmAngry Birds - Der Film
Seit der Herausgabe des PC- und Handy-Spiels "Angry Birds" 2009 durch eine finnische Firma namens "Rovio", deren Entwicklern man den Spaß an ihrem witzigen Produkt regelrecht anmerken konnte, bildete sich weltweit eine eingefleischte Fangemeinde heraus, die mit Neugier jede neue Idee erwartete. Von mittelalterlichen Geschichten "Angry Birds Epic" bis zu den modernen "Angry Birds Star Wars" und "Angry Birds Transformers" konnte man Vögel schleudern, ihre besonderen Fähigkeiten wie Superschnelligkeit oder Explosionsfähigkeit zusätzlich verstärken - bei "Star Wars" z.B. mit Lichtschwertern und natürlich der "Macht" - und so die Schweine und deren bauliche Konstruktionen in die Luft gehen lassen. Nicht zu vergessen der hervorragende Soundtrack dazu, der die Geschichten mit einer Vielzahl an Spezialgeräuschen sinnlich erlebbar machte. Auch die regelmäßig erscheinenden Kurzfilme ("Toons") sprühten vor Einfallsreichtum und Witz. Endlich nun erscheint logisch konsequent der Film, der erklärt, warum die Vögel wütend sind - nämlich weil man ihre Eier gestohlen hat.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Sony Pictures


GeniusGenius
Da steht er im Gang des Verlagsgebäudes von Scribner's Sons und schreit einfach drauflos. Er reißt die Arme in die Luft, geht in die Knie und schreit vor Freude so laut, dass es Verleger Maxwell Perkins noch durch die gemauerten Wände hören kann. Dieser hält inne, für den Bruchteil einer Sekunde vielleicht. Weder verdreht er die Augen, noch seufzt er oder hebt die Augenbrauen. Und lässt den Zuschauer doch unmissverständlich wissen, dass derlei Gefühlsausbrüche absolut nicht seine Sache sind. Ganz im Gegensatz zum gerade von ihm entdeckten Schriftsteller Thomas Wolfe, aus dem alles ungehemmt heraussprudelt: Wörter, Sätze, Gefühle, Meinungen, Urteile. Michael Grandage, bislang der Theaterarbeit zugetan, inszeniert in seinem Filmdebüt eine Arbeits- und Machtbeziehung zwischen zwei Männern, die vor allem von der komplementären Charakterzeichnung und beeindruckenden Schauspielkunst Colin Firths und Jude Laws lebt. "Genius" ist gut gemachte Unterhaltung mit einigen Schwächen - genial ist er nicht.
Von Jasmin Drescher.
deutscher Kinostart: 11. August 2016
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Marc Brenner/Pinewood Films


Jeder stirbt für sich allein (2016)Jeder stirbt für sich allein (2016)
Regisseur Vincent Perez erzählt in seinem Historiendrama eine wohlbekannte Geschichte, die bis heute so manche Anhänger findet. Es ist nicht die von Hans Falladas zugrundeliegendem Roman "Jeder stirbt für sich allein", sondern das Lügenmärchen, das die Filmadaption daraus strickt: vom stillen Widerstand der Deutschen gegen Hitler und den Nazis als bemitleidenswerten Gutgläubigen, die hinters Licht geführt wurden.
Die Opfer in der abgeschmackten Literaturverfilmung sind nicht die jüdische Nachbarin Frau Rosenthal, die sich im Handlungsjahr 1940 im Dachgeschoss einer Berliner Wohnung versteckt hält und sich schließlich aus dem Fenster stürzt. Nicht Herr Rosenthal, der abgeholt wurde und nicht die jüdischen Mitbürger, die enteignet, terrorisiert und ermordet wurden und werden. Die Opfer sind andere...
Es wundert nicht, dass Falladas Roman nach dem Erscheinen 1946 hierzulande zum Bestseller wurde. Für all die Mitläufer und Parteigänger ist er die perfekte Apologie. Es gibt keine guten Nazis. Höchstens im Kino.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 11. August 2016
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Marcel Hartmann, X-FIlme Creative Pool


Zero DaysZero Days
Ja, er sei wütend, sagt Alex Gibney auf der Pressekonferenz auf der Berlinale. Wütend über das unglaubliche Ausmaß an Geheimhaltung in den USA und darüber, wie es etwas Zwanghaftes geworden sei, das der Demokratie schadet. Sein packender Cyber-Thriller konzentriert sich nominal auf den Computer-Wurm Stuxnet. Dahinter jedoch steht ein neues Postulat gegen Obskurantismus.
Unterschwellig spielten die Mechanismen von Geheimhaltung und Vertuschung bereits in mehreren Filmen des umtriebigen Regisseurs eine Schlüsselrolle. "Taxi to the Dark Side", für den er 2008 einen Oscar gewann, "Casino Jack and the United States of Money" (2010), "We steal Secrets: The Story of WikiLeaks" (2013) und zuletzt "Going Clear: Scientology and the Prison of Believe" (2014) behandelten alle neben ihrer spezifischen Thematik die politischen, sozialen und humanen Konsequenzen von großangelegter staatlicher oder klerikaler Verschleierungstaktik.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 1. September 2016
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Berlinale


And-ek Ghes...And-ek Ghes...
"Eines schönen Tages..." bedeutet der Titel der experimentellen Mixtur aus Familienvideos und Laienschauspiel. Es ist ein Erstlingswerk für den Mann hinter der Kamera oder genauer gesagt: den Mann mit der Kamera in der Hand. Colorado Velcu filmt die Ankunft seiner rumänischen Familie in Berlin und die ersten Wochen in dem neuen Zuhause. Initiator des semi-dokumentarischen Projekts ist Filmemacher Philip Scheffner, der im Forum der diesjährigen Berlinale mit dem ebenfalls zwischen Fiktion und Reportage driftenden "Havarie" vertreten ist.
Scheffner, der auf der Berlinale 2012 mit seiner Doku "Revision" beeindruckte, fungiert hier offiziell ausschließlich als Produzent. Allerdings scheint die Familie Veclu zu glauben, sie solle nicht nur ihren Alltag dokumentieren, sondern nachgestellte Szenen im Stil einer Mockumentary drehen. Oder vielleicht sogar einen Amateurfilm? Das Resultat ist eine Art überlanges Heimvideo, bei dem man oft nicht weiß, wo der Spaß aufhört und der Ernst des Lebens anfängt.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 22. September 2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Forum
Foto: Khaled Abdulwahed


HediHedi
Wie der Hauptcharakter seiner allegorischen Kinoromanze drückt Regisseur Mohamed Ben Attia seine Intentionen lieber mit Bildern aus als mit Reden. Sogar seine Worte sind oft mehr Wortbilder, die unterstreichen, was die schlichte Handlung offenbar macht. Eines ist der Name des Protagonisten Hedi (Majd Mastoura), der zugleich seinen Seelenzustand und die filmische Atmosphäre beschreibt. Hedi bedeutet ruhig. Es meint sowohl die Ruhe vor dem Sturm der Gefühle, die den jungen Tunesier ergreifen werden, als auch die Ruhe nach dem Sturm der Revolution, die 2010/2011 das Land ergriff.
Das Ringen des wachgeküssten Protagonisten um und mit seiner persönlichen Freiheit wird zur Metapher für das Bestreben von Tunesiens junger Generation, sich ihre Selbstbestimmtheit und eigene Perspektiven zurückzuerobern. Es ist auch dramaturgisch ein Bild in simplen Zügen, aber dennoch ein ansehnliches.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 22. September 2016
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Frédéric Noirhomme/Nomadis Images/Les Films du Fleuve/Tanit Films


The Music of Strangers: Yo-Yo Ma and the Silk Road EnsembleThe Music of Strangers: Yo-Yo Ma and the Silk Road Ensemble
Beide haben zahlreiche Auszeichnungen eingeheimst und ihr neues Werk könnte ihnen noch mehr bringen. Die Zusammenarbeit des in Frankreich geborenen Cellisten Yo-Yo Ma und Dokumentarfilmer Morgan Neville aus L. A. ist für Musik- und Kinofans gleichermaßen spannend. Der Regisseur von "20 Feet from Stardom" macht die Entstehungsgeschichte eines außerordentlichen Ensembles zu einem Leinwanderlebnis.
"The Music of Strangers" beginnt als konventionelle Filmbiografie. Auf Archivmaterial sieht man unter anderem, wie Ma im Alter von nur sieben Jahren von Leonard Bernstein in einer TV-Sendung vorgestellt wird und dank seiner Hochbegabung die musikalische Welt im Sturm erobert. Doch sein Werdegang zu einem der größten Cellisten der Gegenwart ist nur der Auftakt zum eigentlichen Thema der Musik-Dokumentation. Die klassische Karriere war für Ma gerade aufgrund seiner natürlichen Begabung nie eine Herzensangelegenheit. Also suchte er nach einem Projekt mit dem Potential, das zu werden.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 22. September 2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Berlinale Special Gala
Foto: Silk Road Project


24 Wochen24 Wochen
Es sei nur Schicksal, sagt ein Kinderchirurg, mit dem Astrid (Julia Jentsch) spricht. Die starke Hauptfigur von Anne Zohra Berracheds nuanciertem Drama wird später ihrer kleinen Tochter Nele (Emilia Pieske) sagen: "Manchmal macht die Natur solche Sachen." Eine solche Sache ist das Leid, das bevorsteht, wenn Astrid ihr Baby austrägt: ihr selbst, ihrer Familie, vor allem aber dem schwerst behinderten Kind. Es sei denn, sie entschließt sich anders.
Mit der schmerzlichen Entscheidungsfindung befasst sich die Regisseurin in ihrem ebenso einfühlsamen wie informiertem Porträt. Dessen Zentrum ist die beeindruckende Julia Jentsch, die von Überschwang bis Verzweiflung alle Emotionen meistert. Ihre Figur ist weit entfernt von den Stereotypen um Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch in Betracht ziehen. Die Kabarettistin Astrid steht beruflich und privat fest im Leben. Sie ist das Gegenteil all der fiktionalen psychisch und sozial labilen Frauenfiguren, die abtreiben, weil sie liebesunfähig und lebensuntauglich sind.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 22. September 2016
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Friede Clausz


Die GeträumtenDie Geträumten
"Ich gehöre zu den Menschen, den altmodischen, die den Brief noch für ein Mittel des Umgangs halten, der schönsten und ergiebigsten eines." Es ist Rainer Maria Rilke, der hier so leidenschaftlich sein Plädoyer für das Medium Brief einleitet. Dass eine Korrespondenz per Brief auch im Whatsapp-Zeitalter noch das Interesse zweier junger Menschen zu wecken vermag, ist die Arbeitshypothese von Ruth Beckermann. Die österreichische Regisseurin lässt den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan im Wechsel vom Schauspieler Laurence Rupp und der Musikerin Anja Plaschg lesen. Die Kamera ist als unaufdringlicher Begleiter dabei, erfasst ruhig, was geschieht - auch in den Pausen. "Die Geträumten" erweckt eine vergangene Liebe zum Leben, die vom Ringen um Worte zum Ausdruck des eigenen Inneren bestimmt ist. Gleichzeitig setzt er auf die transformative Kraft der Worte. Auf der diesjährigen Berlinale laufen einige Filme, die behaupten, sich mit Literaten und ihren Beziehungen, auch ihrem literarischen Schaffen zu befassen. Dieser hier tut es wirklich.
Von Jasmin Drescher.
deutscher Kinostart: 27. Oktober 2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Forum
Foto: Ruth Beckermann Filmproduktion


HavarieHavarie
Womöglich wollen der Dokumentarfilmer Philip Scheffner und die Berliner Autorin Merle Kröger dem Publikum mit ihrem zweigleisigen Projekt "Havarie" einen Eindruck davon geben, wie es sich anfühlt, verloren auf dem Mittelmeer zu treiben. Womöglich wollen sie etwas Elementares vermitteln über den Umgang mit flüchtenden Menschen, die gefangen sind zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen einem neuen Leben und dem Tod. Oder vielleicht ist alles einfach nur gutes Marketing.
Der Film entstand aus der gemeinsamen Recherche Scheffners und seiner Lebenspartnerin Kröger, deren Buch auf Platz Eins der KrimiZeit-Bestenliste steht. Neben dem Titel scheinen die beiden Werke allerdings vor allem gemein zu haben, dass etwas auf hoher See treibt. Im Buch sind es vier Schiffe, deren Reiserouten sich zufällig kreuzen. Jede Besatzung steht für eine spezielle Perspektive auf die Flüchtlingslage.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 3. November 2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Forum
Foto: pong


Soy NeroSoy Nero
Das Identitätsbewusstsein, das Rafi Pitts dem Hauptcharakter seines existenzialistischen Dramas im Titel zuspricht, enthüllt sich in der kargen Szenerie als brüchiges Konstrukt. Die harsche Coming-of-Age-Story filtert durch das konzentrierte Auge der Kamera den Zynismus der amerikanischen Grenzpolitik heraus und zeigt den verzweifelten Kampf des Hauptcharakters (Johnny Ortiz) als aussichtslose Jagd innerhalb eines Teufelskreises.
In diesem perfiden System kann der junge Mexikaner Nero höchstens seine Position ändern, nicht jedoch ihm entkommen. Diese bittere Gewissheit zeigt nicht nur die Geschichte des illegalen Einwanderers, der für die amerikanische Staatsbürgerschaft in den Krieg zieht. Die elliptische Handlung vermittelt ein Gefühl von Unausweichlichkeit, die jede Entscheidung des Protagonisten im Grunde alternativlos scheinen lässt. Regisseur und Drehbuchautor Pitts ("Zeit des Zorns") teilt den Plot in zwei Akte, die fast zwei unterschiedliche Filme sein könnten.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 24. November 2016
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Berlinale


Noma - My Perfect StormNoma - My Perfect Storm
"Essen ist alles", heißt es einmal in Pierre Deschamps' abendfüllender Lobeshymne auf das Kopenhagener Gourmet-Restaurant Noma. Solche Aussprüche klingen, als ob jemand zu oft "Die kleine Raupe Nimmersatt" gelesen hat und das Kinderbuch einen Tick zu ernst nahm. Doch der filmische Blick hinter die Kulissen des Weltspitzen-Lokals geht mit seiner Ideologisierung der Nahrung und ihrer Zubereitung noch weiter: "Essen ist eine Metapher dafür, wie wir mit der Welt interagieren."
Falls dies zutrifft, erschließt sich aus der Art und Weise, wie im Noma mit Essen umgegangen wird, kein schmeichelhafter Eindruck von dessen Chefkoch René Redzepi. Er serviert in seinem oft Monate im Voraus ausgebuchten Gourmet-Tempel zu schwindelerregenden Preisen Menüs, deren einzelne Gänge irgendwo zwischen einem Stück frisch eingesammelter Natur (lebendige Ameisen) und nordischer Hausmannskost liegen.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: für 2016 geplant
Ein Film der Sektion Kulinarisches Kino der 66. Berlinale 2016
Foto: Pierre Deschamps



Neue Rezensionen (Fortsetzung)


Schule
Der Film zeigt episodisch die Erlebnisse einiger Kleinstadtabiturienten in dem fiktiven Ort Kerkweiler. Hauptfiguren sind die Schüler André, Markus und Dirk. Bis zum Abitur sind es noch drei Wochen: Zum Abschluss der Schulzeit will man noch einmal "auf den Putz hauen", bevor der so genannte "Ernst des Lebens" beginnt. Dazu soll eine Party am See gefeiert werden, inklusive Alkohol- und Marihuanagenuss. Einen Tag und eine Nacht lang verfolgt der Zuschauer die turbulenten Erlebnisse der Protagonisten.
Es geht um die üblichen Themen: Verliebtheit, Betrügen, Verlassenwerden, Prüfungsangst (der Klassenstreber soll beim Spicken helfen), erster Sex. Am Ende gibt es eine theatralische Durchsage von Markus (Daniel Brühl) über das Mikrofon des Schuldirektors, dass er seine Sandra (Jasmin Schwiers) noch immer liebt. Aussöhnung, Happy End, Vogelperspektive der Kamera.
Von Manfred Lauffs.

Ewige Jugend
Optisch ist der Film ein Rausch. Die Schweizer Bergwelt mit dem Super-Luxus-Hotel wird unnachahmlich eingefangen, alle Szenen in den Zimmern, den Bädern, den Gärten, auf den Bergwiesen wirken gestaltet wie Gemälde, die Kameraeinstellungen und -fahrten wechseln ständig (Großaufnahme, Panorama, Froschperspektive, Vogelperspektive...) und passen sich geschmeidig dem Geschehen an, wie auch der technisch ausgetüftelte Soundtrack aus Pop- und klassischer Musik. Ein Hauch von "Zauberberg" wird spürbar. Aber trotz der interessanten Themen (Alter, Jugend, Rückschau, Schönheit, Kunst...) und der schauspielerischen Glanzleistungen ist der Film insgesamt doch enttäuschend. Der Trailer vermittelt ein falsches Bild: die wenigen Gags sind hier zusammengefasst, es sind aber auch alle! Die Dialoge wirken oft pseudophilosophisch, die Handlung übertrieben (z.B. der Hitler-Auftritt des jungen Schauspielers Jimmy Tree), die Zusammenhänge bisweilen unklar.
Von Manfred Lauffs.

Quellen des LebensQuellen des Lebens
Von Kriegsheimkehr über die Spießigkeit der 1950er Jahre und über die Künstlerbohème der 1960er hin zum Krawall der Punkszene der 1970er Jahre: All dies bietet Filmemacher Oskar Roehler in knapp drei Stunden seines Opus Magnum aus dem Jahr 2013 auf. Er muss es wissen: Die letzte Hauptfigur des Films "Quellen des Lebens", Robert, ist sein Alter Ego, die anderen Protagonisten sind kaum verschlüsselt seine Eltern und Großeltern, Freunde und sonstige Menschen, mit denen man im Laufe seines Lebens zu tun haben muss. Mal grandios, mal fragwürdig, mal verspielt, mal verkrampft blickt der gerne provokante Regisseur auf etwa 40 Jahre Familien- und gleichzeitig BRD-Geschichte. Jede Episode ist anders erzählt, nicht jede Schauspielerleistung gleich - aber in dieser Uneinheitlichkeit liegt eine gewisse Stärke des Films. Dieser kann den Zuschauer packen und auf ihn im nächsten Moment abstoßend wirken, er ist sowohl eindrucksvoll als auch zähflüssig.
Von Michael Dlugosch.
Foto: X-Verleih


Sicario
42 malträtierte Leichen entdeckt eine FBI-Spezialeinheit in einem Haus am Stadtrand der kalifornischen Stadt Phoenix. Selbst für den unbeteiligten Filmzuschauer hart zu goutieren, im enthumanisierten Drogenkrieg an der amerikanisch-mexikanischen Grenze nicht sonderlich überraschend. Wo es um riesige Geldsummen geht, gibt es keine Spuren von Menschlichkeit - so zieht sich dieses Bild der Seelenlosigkeit, auch im Titel widergespiegelt - Sicario bedeutet im mexikanischen Kartell-Slang "Auftragskiller" - wie ein roter Faden durch alle Gemüter und Szenen des Films.
Eine hervorragende Emily Blunt - zugleich als Agentin Kate Macer hochprofessionell und als Frau verletzlich - ist anerkannte Teamanführerin von SWAT - einer erfolgreichen Spezialeinheit, bei der es unerlässlich ist, auf Gefühle zu verzichten, damit sie ihren Job gut machen kann.
Von Hilde Ottschofski.

The Social Network
Mark Zuckerberg war nicht amüsiert. Er lehnte ein Biopic über sich und den Entstehungsprozess von Facebook ab. Regisseur David Fincher ("Sieben") und sein Drehbuchautor Aaron Sorkin ("The West Wing") ließen sich nicht davon abhalten und setzten den Film in die Tat um, was unter anderem mit einem Academy Award für das Beste adaptierte Drehbuch belohnt wurde - nach einem Buch von Ben Mezrich ("Milliardär per Zufall"). Das Medienrecht der USA ist liberaler als hierzulande: In Deutschland hätte man andere Namen wählen müssen. Der Film nennt alle negativ dargestellten Beteiligten so, wie sie wirklich heißen. Durchaus zum Schaden Zuckerbergs: Der Multimilliardär kommt in dem Film nicht gerade gut weg. Der Film betont sein Dasein als wenn auch hochintelligenter, hochintellektueller Nerd und Soziopath. Faktentreu möchte der Film nicht sein, worauf sowohl Zuckerberg als auch Fincher und Sorkin mehrfach hingewiesen haben.
Von Michael Dlugosch.

Extraordinary Tales
Ein Zwiegespräch auf dem Friedhof: Edgar Allan Poe, der Rabe, sieht sich konfrontiert mit dem Tod. Am Ende eines langen verbalen Schlagabtauschs steht nicht weniger als die Frage nach der Unsterblichkeit des Dichters. Die Antwort fällt doppeldeutig aus: "Nimmermehr", spricht der Rabe. Der Körper des Schriftstellers ist vergänglich, seine Texte werden ihn überdauern.
Was Filmadaptionen betrifft, hat die Zugkraft Poes seit dem Höhepunkt in den Sechzigerjahren nachgelassen. Mit "Extraordinary Tales", fünf Episoden, gerahmt von dem Gespräch zwischen Rabe und Tod, leistet Raul Garcia einen Beitrag, Poe am Leben zu erhalten, wobei seine Umsetzung insofern eine Besonderheit darstellt, als es sich um einen reinen Animationsfilm handelt. Dass der Regisseur fünf der bekanntesten Kurzgeschichten ausgewählt hat - keine Vorlage, die nicht bereits verfilmt wäre -, Geheimtipps also ausbleiben, erweist sich als unproblematisch.
Von Marcus Gebelein.

 



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Zitat

"Dieser Typ tritt so leise ab, wie er laut angefangen hat."

Schauspieler Götz George (23.07.1938 - 19.06.2016) über seine Figur Horst Schimanski

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