Aktuelle Filme


Als wir träumtenAls wir träumten
"Es war 'ne schöne Zeit", sagt der junge Dani zu Beginn von Andreas Dresens unausgereiftem Mix aus Buddy-Drama und Ostalgie-Kino. Darin gilt: Früher war alles besser, als DDR-Bürger und als Kinder sowieso! Die Freunde, die Freizeit und vor allem wir. Okay, nicht wir. Wir waren damals noch nicht geboren. Aber die Großeltern, die waren jung und wild und nirgendwo war das besser als in der großen Stadt, nämlich...? Richtig: Leipzig!
Würde man als junger Mensch heute Dresens Adaption von Clemens Meyers gleichnamigem Jugendroman glauben, hielte man die DDR für ein Idyll. Auf der Leinwand scheint dort im Gegensatz zur Nachwendezeit immer die Sonne, das Gras war grün - bestimmt grüner als auf der anderen Seite hinter Mauer - und in der Grundschule gab es statt Mathe coole Brandschutzübungen.
Von Lida Bach.
Wettbewerbsfilm der 65. Berlinale 2015
Foto: Rommel Film / Pandora Film / Peter Hartwig


Verstehen Sie die Béliers?Verstehen Sie die Béliers?
Komödien mit Klamauk und einem Schuss Herzlichkeit – damit kann das französische Kino gut dienen, denn das Rezept gelingt oft. Man braucht nur an "Ziemlich beste Freunde" zu denken oder "Monsieur Claude und seine Töchter", dann kann man auch die Familiengeschichte der Béliers darin einordnen. Komische (manchmal auch leicht überdrehte) Szenen wechseln sich mit realistischen ab, man lacht, lernt ein bisschen was und kriegt auch was zum Nachdenken.
"Je vous entends" bedeutet auf Französisch sowohl "Ich höre Ihnen zu" als auch "Ich verstehe Sie!" – wohl beides oder auch eigentlich keines der beiden meint der gehörlose Familienvater und Milchbauer Rodolphe Bélier, als er sich als Kandidat zur Bürgermeisterwahl stellt. Diplomatie gehört nämlich nicht zu seinen Stärken – und eben diese stellt seine 16-jährige Tochter Paula her, wenn sie seine groben Äußerungen beim Übersetzen abmildert oder verkürzt.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Concorde Filmverleih
deutscher Kinostart: 5. März 2015



Neue Rezensionen


Madame Mallory und der Duft von Curry
Der schwedische Regisseur Lasse Hallström, Jahrgang 1946, ist Spezialist für "schöne" Filme, also solche, die - wie etwa "Chocolat" (2000) - herrliche Landschaften zeigen, gut aussehende Hauptdarsteller haben, alles in warme Farben tauchen und einfach einen Wohlfühleffekt beim Zuschauer erzeugen. Die Grenze zum Kitsch kann dabei leicht überschritten werden. In "Madame Mallory und der Duft von Curry" wird sie aber nur gestreift.
Wir erleben in einem malerischen südfranzösischen Ort namens Lumière einen Clash der Kulturen, genauer: der Esskulturen. Madame Mallory (Helen Mirren) führt ein elegantes, traditionsreiches Restaurant am Dorfrand, das sogar einen Michelin-Stern aufzuweisen hat: das renommierte "Le Saule Pleureur" (Die Trauerweide). Auf der anderen Straßenseite ist eine indische Familie in ein verlassenes Haus eingezogen. Sie musste ihre Heimat verlassen, weil ihr Restaurant bei Unruhen verwüstet wurde.
Von Manfred Lauffs.


Special: 65. Internationale Filmfestspiele Berlin / Berlinale 2015 (05. - 15. Februar 2015)



Chasuke's JourneyChasuke's Journey
It's all in the script! Keine Ahnung, wer das zuerst herausgefunden hat. Vermutlich haben es eine ganze Reihe großer Filmemacher irgendwann mal gesagt oder es zumindest gewusst. Besonders verinnerlicht hat die alte Kino-Weisheit Sabu. Der japanische Filmemacher, der mit der Adaption seines Romandebüts "Ten no Chasuke" den Berlinale-Wettbewerb abschließt, erhebt den Grundsatz zur Leitmoral seiner grandios-kuriosen Story. Also nochmal: It's all in the script!
Nachdem Sabu fünfmal im Berlinale-Panorama und -Forum (wo er 1999 sogar zwei Filme laufen hatte) vertreten war, schafft er nun den überfälligen Sprung in den Wettbewerb. Einen Preis hat seine clevere Komödie und skurrile Hommage ans Kino unbedingt verdient: den für das beste Drehbuch.
Von Lida Bach.
Wettbewerbsfilm der 65. Berlinale 2015
Foto: Bandai Visual, Shochiku and Office Kitano


Diary of a Chambermaid (2015)Diary of a Chambermaid (2015)
Verführerisch trotz ihrer charakterlichen Schwächen ist die Heldin von Octave Mirbeaus süffisanter Novelle und nicht minder die schöne Léa Seydoux in Benoit Jacquots hintersinniger Adaption. Der französische Filmemacher ist nach Jean Renoir 1946 und Luis Bunuel 1964 der dritte Regisseur, der sich an die Verfilmung des dekadenten Sittengemäldes macht.
Seine filmschöpferischen Vorgänger nutzen die Vorlage jeder auf eigene Weise als Folie für zeitgenössische Gesellschaftskritik. Diese steckt bei Jacquot in delikaten Gesten, diskreten Blicken und Doppeldeutigkeiten - kurz, im Detail wie der Teufel in den korrupten Protagonisten. Eine Kammerzofe verkörperte Hauptdarstellerin Seydoux bereits in Jacquots "Leb wohl, meine Königin" ("Farewell, My Queen"), der 2012 die Berlinale eröffnete. In beiden Werken werfen politischer Umbruch und Krieg ihren Schatten voraus, erst die Französische Revolution, nun der Erste Weltkrieg.
Von Lida Bach.
Wettbewerbsfilm der 65. Berlinale 2015
Foto: Carole Béthuel


Sworn VirginSworn Virgin
"Sprich nicht bevor ein Mann spricht. Wähle nicht bevor ein Mann wählt. Verweigere dich keinem Mann. Tue keine Männerarbeit. Trage kein Gewehr." Das sind die Gebote, die Hana und ihre Cousine Lila als Mädchen von Lilas Mutter lernen. Das verlangt der Kanun, das über Generationen überlieferte Brauchgesetz im Bergland Albaniens. In den abgeschiedenen Dörfern überdauert ein Rechtsverständnis, das bis ins finsterste Mittelalter zurückreicht - wenn nicht noch weiter, in eine chthonische Ära der Brutalität und Barbarei.
Regisseurin Laura Bispuri tastet sich in ihren Bildern an die Charaktere ebenso vorsichtig heran, wie Hana an die Ungezwungenheit der modernen Welt. Die herausragende Leistung Alba Rohrwachers, die nach dem Silbernen Bären verlangt, legt noch stärkeren Nachhall in die stille, doch essentielle Selbstbehauptung: "Jemand hat mir mal gesagt, wir sind freier als wir glauben."
Von Lida Bach.
Wettbewerbsfilm der 65. Berlinale 2015
Foto: Berlinale


ElserElser
Knapp daneben ist auch vorbei. Das gilt nicht nur für das Bombenattentat, das der Titelheld auf Hitler verübt, sondern Oliver Hirschbiegels Prestige heischendes Biopic. Dem voran steht schon ein Zitat, das die heimatehrende Tendenz ankündigt: "Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das uns're weit und breit, wo wir uns finden wohl unter Linden zur Abendzeit..." Deutschtümelei und Heroismus vermitteln ein enttäuschend simplifiziertes Bild des Widerstandskämpfers Georg Elser, dessen Person lediglich als dramaturgisches Mittel zum Aufpolieren des Nationalstolzes dient.
Besonders ärgerlich ist diese Instrumentalisierung, da der nach seinem gescheiterten Anschlag ins KZ verschleppte und dort kurz vor Kriegsende ermordete Elser eine filmische Würdigung mehr als verdient; Hirschbiegels ideologisiertes Monument verdient er nicht.
Von Lida Bach.
Ein Film der Hauptreihe außer Konkurrenz der 65. Berlinale 2015
Foto: Lucky Bird Pictures / Bernd Schuller
deutscher Kinostart: 9. April 2015


Eisenstein in GuanajuatoEisenstein in Guanajuato
"Ein langes, sich hinziehendes sinnloses Abenteuer, das nirgendwo hinführt", nennt Finanzmanager Hunter Kimbrough (Stelio Savante) das Filmvorhaben des manischen Regisseurs Sergei Eisenstein (Elmer Bäck) in Mexiko. Oder spricht er tatsächlich von Peter Greenaways wahnwitziger Persiflage?
Der britische Filmemacher zitiert auf der Pressekonferenz zu seinem Bärenkandidaten seinen Landsmann John Donne in einer persönlichen Version: "No film is an island." Es gibt immer einen filmhistorischen Bezug, wenn nicht im Kopf des Regisseurs, dann in dem des Zuschauers. Der ist auf der Berlinale mal belustigt, mal irritiert und bisweilen abgestoßen von der gewagten Groteske, die trotz ihrer allzu angestrengten Offensivität beeindruckt. Mit lustvoller Drastik illustriert der von Körperflüssigkeiten und Exkrementen mindestens ebenso wie von seinen ewigen Themen Sex und Tod faszinierte Greenaway die Exzessivität seiner Titel- und Symbolfigur.
Von Lida Bach.
Wettbewerbsfilm der 65. Berlinale 2015
Foto: Berlinale


The Pearl ButtonThe Pearl Button
"Es ist ein zeitloser Ort. Ein Archipel des Regens..." Schönheit und Tragik jener Wasserläufe Patagoniens ergründen die elegischen Bilder von Patricio Guzmáns Dokumentation. Die Sterne scheinen eine seltsame Kraft auszuüben, auf die Elemente, das Schicksal und auf den chilenischen Regisseur. Sein Auge und das der Kamera richten sich immer wieder zum Firmament, als suchten sie dort nach einer Erklärung für die Irrwege der Geschichte.
Der Titel spricht von den Perlmuttknöpfen, die vor Chiles Küste verstreut liegen. Ihr glänzendes Material stammt von der Schale der Mollusken auf dem Grund des Ozeans, der die größte Grenze des Landes ausmacht. Sie sind zurückgekehrt an den Ort ihres Ursprungs. Die Menschen, deren Körper im Meer versenkt wurden, warten noch darauf zurückzukehren.
Von Lida Bach.
Wettbewerbsfilm der 65. Berlinale 2015:
Silberner Bär für das beste Drehbuch
Preis der Ökumenischen Filmjury für einen Wettbewerbsfilm
Foto: Hugues Namur


Nobody Wants the NightNobody Wants the Night
"Mein erster Bär, mein erster Bär!", jubelt Josephine (Juliette Binoche) im ersten Satz des Eröffnungsfilms. Hofft Regisseurin Isabel Coixet, das kommt bei der Jury an? Subtilität liegt jedenfalls ihrem theatralischen Wildnisdrama nicht. Miguel Barros' Drehbuch basiert "auf realen Charakteren", aber wie die französische Regisseurin auf der Pressekonferenz erklärt: "This is not a story". Solide Kinounterhaltung ist es trotz der verheißungsvollen Prämisse noch weniger.
Dass Coixet gleich der Hauptfigur, die in der Eingangsszene einen Eisbären schießt, auf der Berlinale einen Goldenen Bären erlegt, ist unwahrscheinlich. Das Wettrennen um den Pol geht im Handlungsjahr 1908 in die heiße Phase, aber im äußersten Nordcamp, wo die gealterte Gesellschaftsdame Josephine Peary ihres mutigen Mannes Robert harrt, ist es arschkalt.
Von Lida Bach.
Eröffnungs- und Wettbewerbsfilm der 65. Berlinale 2015
Foto: Leandro Betancor



Weitere aktuelle Filme


BoyhoodBoyhood (Wiederaufführung)
Richard Linklaters Spielfilm "Boyhood" ist mehr als eine Coming-of-Age-Geschichte: Er ist ein reiches und vielschichtiges Dokument der letzten zwölf Jahre unserer Zeit, eine präzise psychologische Skizze und nicht zuletzt das anschauliche Portrait eines Bundesstaates - Texas -, in dem alternative Rockbands neben tiefreligiösen, Waffen verherrlichenden Baptisten existieren.
Es ist der Präzision der Dialoge, der Stimmigkeit noch der alltäglichsten Szenen sowie der starken Gestik und Mimik des Hauptdarstellers Ellar Coltrane zu verdanken, dass wir bald unmerklich ein sehr deutliches Bild der Figur Mason gewinnen. So scheint es offensichtlich zu sein, dass dem künstlerisch interessierten, introvertierten jungen Mann die Geschenke zu seinem sechzehnten Geburtstag - ein Gewehr, eine Bibel und ein Anzug - wenig gefallen werden.
Von Jasmin Drescher.
Foto: Universal Pictures


Grand Budapest HotelGrand Budapest Hotel
Man fühlt sich entfernt an "Die fabelhafte Welt der Amélie" erinnert: So skurril sind die Typen, so überraschend die Handlung, so vielfältig die Ideen. Aber nur entfernt. Wes Andersons "Grand Budapest Hotel", mit dem die Filmfestspiele von Berlin 2014 eröffnet wurden, ist eine Mischung aus grotesker Komödie und Gangsterfilm. Der Film präsentiert eine unglaublich einfallsreiche Geschichte, die in fünf Kapitel auf drei Zeitebenen eingeteilt ist, und diese Geschichte wird - bis in die Nebenrollen - von einer lustvoll agierenden Starriege zum Leben erweckt.
In einem bonbonbunten Dekor mit teils gemalten Kulissen läuft die halsbrecherische Story ab, wobei jede Figur liebevoll originell charakterisiert wird, nicht zuletzt durch Kostüm und Frisur.
Von Manfred Lauffs.
Foto: Twentieth Century Fox


Verfehlung (2014)Verfehlung (2014)
2010 wurde die Katholische Kirche weltweit vom Missbrauchsskandal eingeholt. Seitdem vergeht kein Monat, in dem nicht ein neuer Fall eines Geistlichen, der in seinem Amt Kindern und Jugendlichen zu nahe kam, bekannt wird. Regisseur Gerd Schneider nimmt sich des Themas in seinem Langfilmdebüt "Verfehlung" an. Schneider, selbst einst Priesteramtskandidat, kann zwar nicht katholische Klischees und eine stilisierte Gut-Böse-Dramaturgie vermeiden. Aber er weiß zu inszenieren. Jedes Bild, jeder Schnitt gelingt ihm bei der Annäherung an die emotionale Krise seiner Hauptfigur Jakob (Sebastian Blomberg), eines Gefängnispfarrers, dessen Kumpel und Berufskollege Dominik (Kai Schumann) wegen mutmaßlichen und bald gegenüber Jakob bestätigten Missbrauchs angezeigt wird.
Von Michael Dlugosch.
Foto: Alina Bader / Camino Filmverleih
deutscher Kinostart: 26. März 2015


Die Böhms - Architektur einer FamilieDie Böhms - Architektur einer Familie
Bekannte Familienclans, deren Mitglieder über mehrere Generationen hinweg noch am Leben sind, bieten ein enormes dokumentarisches Potential. Sind die Familienmitglieder bereit und imstande Rede und Antwort zu stehen, können sie mittels ihrer facettenreichen ureigenen Geschichte, und ihrer jeweiligen Position innerhalb des familiären Gefüges nicht nur vielschichtige Einblicke in die oftmals ambivalenten Familienstrukturen liefern: Ihre Berichte, Erzählungen, ihre Statements und Einschätzungen wie Urteile sind immer ein Stück Kultur- und Zeitgeschichte. Es sind gesellschaftspolitische wie historische Dokumente, die helfen Zusammenhänge besser deuten, besser einordnen zu können. Zumal, wenn die Protagonisten aus der Distanz heraus mit ihrer eigenen Geschichte, deren Wirken und Wirkung uneitel umzugehen wissen.
Von Sven Weidner.
Foto: Real Fiction Filmverleih


Los ÁngelesLos Ángeles
Mexiko, in einem zapotekischen Dorf: Mateo, 17 Jahre alt, steht kurz vor der illegalen Ausreise in die Vereinigten Staaten. Es zieht ihn nach Los Angeles. Wenn er dort zu arbeiten beginnt, kann er seine arme Familie in der Heimat finanziell unterstützen. In seinem Dorf hat sich Mateo einer Gang angeschlossen, die auch über hilfreiche Kontakte in Los Angeles verfügt. Bevor Mateo fährt, soll er im Auftrag des Bandenanführers Daniel das Mitglied einer rivalisierenden Gang umbringen. Es gelingt ihm nicht. Dies hat nahezu katastrophale Folgen.
Nüchtern und realistisch erzählt Regisseur und Drehbuchautor Damian John Harper in seinem Spielfilmdebüt eine Geschichte aus dem Hinterhof Amerikas, dem Land, das von den USA durch eine Mauer getrennt ist: Mexiko.
Von Michael Dlugosch.
Foto: Weydemann Bros. (Fotografin: Yvette Cruz)


Get - Der Prozess der Viviane AmsalemGet - Der Prozess der Viviane Amsalem
Erdrückend wirken die Räume des Rabbinergerichts. Endlos ziehen sich die Befragungen und Streitereien von Freunden, Familienmitgliedern und dem Paar selbst. Erschöpft und genervt wirken die Richter. Doch der Ehemann will nicht zur Scheidung zustimmen. Er hat das Sagen und ihm obliegt das letzte Wort im Scheidungsprozess. Elisha Amsalem steht über dem Gesetz. Der Anfang des Films ist genau wie der Prozess selbst. Subjektiver und absurder könnten Befragungen nicht ablaufen. Ob er ein guter Ehemann sei, werden die Zeugen gefragt. Vorbildlich. Ob sie eine gute Ehefrau sei? Vorbildlich. Er schlägt sie nicht. Sie betrügt ihn nicht. Alles scheint doch wunderbar. Es gibt keinen evidenten Grund für eine Scheidung. Also warum will sie nicht zu ihm zurückkehren? Warum möchte Viviane so sehr den Get, einen Scheidungsbrief?
Von Margarethe Padysz.
Foto: Riva Filmproduktion (über die Seite des Filmfests Hamburg)


Monsieur Claude und seine TöchterMonsieur Claude und seine Töchter
Monsieur Claude Verneuil, Notar von Beruf, und seine Frau Marie sind ein typisches Ehepaar aus der französischen Provinz. Beide sind stolz auf ihre vier schönen Töchter, von denen drei schon verheiratet sind, allerdings nicht den Vorstellungen der Eltern entsprechend: Odile nämlich mit dem jüdischen Geschäftsmann David, Isabelle mit dem muslimischen Rechtsanwalt Rachid und Ségolène mit dem chinesisch-stämmigen Banker Chao Ling. Zu Beginn dieser überaus amüsanten Komödie werden die drei Hochzeiten, die in den letzten Jahren stattfanden, in Rückblenden und im Zeitraffer kurz vorgeführt, und es ist ein Vergnügen anzusehen, wie die Miene des Vaters beim Gruppenbild von Mal zu Mal immer säuerlicher wird.
Von Manfred Lauffs.
Foto: Neue Visionen


CoherenceCoherence
Wenn es einem begnadeten Drehbuchautor in der aufgeblasenen Hollywoodwelt zu langweilig wird, geschieht im besten Fall Folgendes: Er entwirft ein kluges und gleichzeitig spannungsgeladenes Szenario, reduziert radikal alle filmischen Mittel und zaubert selbst einen kleinen, aber fein kompromisslosen Edelstein hervor. Mit "Coherence" ist James Ward Byrkit, der bereits positiv mit seiner Drehbuchbeteiligung an "Rango" aufgefallen ist, ein minimalistischer, kammerspielhafter Science-Fiction-Thriller um Freundschaft, Vertrauen und Selbstbetrug gelungen.
"Coherence" ist auch eine Art Experimentalfilm, hinter dem die Idee steckt, einen Film zu drehen, der, so Regisseur Byrkit, sowohl ohne Drehbuch als auch ohne Crew auskommt.
Von Oliver Forst.
Foto: Bildstörung / Drop-Out Cinema


Die Wolken von Sils MariaDie Wolken von Sils Maria
Es ist ein Naturphänomen: Durch eine besondere landschaftliche Prägung eines geschlängelten Tals, des sogenannten Malojapasses im Schweizer Oberengadin, kann man an Herbsttagen beobachten, wie sich eine Wolkenschlange im Tal bewegt, während man im Sonnenschein darüber steht. Um das Naturphänomen des Alterns geht es in diesem Film des französischen Regisseurs Olivier Assayas (z.B. "Paris je t'aime", 2006). Juliette Binoche spielt darin eine Rolle in der Rolle. Sie verkörpert eine Schauspielerin, die in einer neuen Theaterrolle mit dem Altern konfrontiert wird, dabei aber selbst mit diesem Thema ringt. Und wahrscheinlich eine Ebene tiefer, als reale Binoche, auch diese Konfrontation bereits austragen musste. Diese Ausgangssituation ist für die Fragestellung sehr interessant, allerdings hapert es an der Ausführung.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: NFP


Finn und die Magie der MusikFinn und die Magie der Musik
Auch wenn Idee und Handlung dieses sich in einem kleinen holländischen Dorf abspielenden Films vielversprechend sind, die melancholische Musik recht schön und ein talentierter kleiner Schauspieler den Hauptcharakter Finn spielt, so weist dieser Film doch leider zu viele Schwächen auf, um den Zuschauer zu verzaubern. Schon der Titel verspricht viel mehr Magie, als der Film je herüberbringt, und bei den Längen zwischendurch steigt der Zuschauer dann ganz aus.
Zufällig lauscht Finn eines Tages dem Geigenspiel eines weißhaarigen alten Herrn, der neu in die Nachbarschaft zugezogen ist, und wird auf der Stelle davon verzaubert. Der Vater verbietet ihm aber den Wunsch, Geige spielen zu lernen.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Arsenal Filmverleih


Magic in the MoonlightMagic in the Moonlight
Entspannter Cole-Porter-Jazz, helle Sommerkleidung, paradiesische Landschaften und Gärten, schöne reiche gesunde Menschen - es ist ein Augen- und Ohrenschmaus, diesem filmischen Spektakel beizuwohnen. Leider bleibt es bei diesem äußerlichen Sinnesgenuss, denn inhaltlich ist Woody Allens neuer Streifen eine leere Hülse. Auch wenn er sich zwischen den Zeilen anschickt, den Vatikan und Nietzsche heraufzubeschwören, rührt "Magic in the Moonlight" beharrlich an der Oberfläche.
Altmeister Woody Allen hatte schon immer eine ausgezeichnete Hand bei der Wahl seiner Schauspieler - so sind auch diesmal der überzeugende skeptische und gegen seinen Willen sich verliebende Sarkast Stanley und sein weibliches Gegenstück, Sophie, einem Möchtegern-Medium mit den unglaublich großen blaugrünen Augen - mit Colin Firth und der jungen Emma Stone hervorragend besetzt.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Jack English / Gravier Productions / Warner Bros.


Dritte PersonDritte Person
Auch wenn eine Geschichte gekonnt aufgebaut ist, so ist das kein Garant für ein Meisterwerk. So findet sich dieser Film sehr geschickt im Geiste des Zuschauers wie ein Puzzle nach und nach zusammen. Der Zuschauer weiß immer mehr als die Figuren selbst und kann sich stets detektivisch fragen, welche Figur oder Handlung real und welche fiktiv ist. Aber auch wenn er am Ende diese Frage gelöst hat, so heißt es nicht, dass er eine wertvolle Botschaft aus dem Kinosaal mitnimmt. Die Handschrift des für den Film "L.A. Crash" Oscar-prämierten Drehbuchautors Paul Haggis ist in diesem Film sehr männlich.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Sony Pictures


Gardenia - Bevor der letzte Vorhang fälltGardenia - Bevor der letzte Vorhang fällt
Sie heißen Andrea, Vanessa, Gerrit, Danilo, Rudy und Richard. Zwei Frauen und vier Männer, Belgier, wobei Andrea und Vanessa ebenfalls als Männer zur Welt kamen. Die alternden Homo- oder Transsexuellen versuchten ihre Identitätskrise mit der Travestieshow "Gardenia" zu bewältigen. Das originelle Spektakel, das auf allen fünf Kontinenten in 25 Ländern erfolgreich gastierte, wurde von dem belgischen Choreographen Alain Platel und dem erfolgreichen Musical- und Opernregisseur Frank Van Laecke inszeniert. In "Gardenia" reflektieren die Mitwirkenden mimisch und improvisierend ihr Leben. Der Dokumentarfilm fügt Ausschnitte aus dem musikalischen Bühnenstück und Interviews mit den Darstellern zusammen. "Gardenia - Bevor der letzte Vorhang fällt" des 1966 in Bad Tölz geborenen Regisseurs Thomas Wallner ist ein gelungenes Beispiel für das Genre Dokumentation.
Von Michael Dlugosch.
Foto: Luk Monsaert / Real Fiction Filmverleih


The Strange Colour of Your Body's TearsThe Strange Colour of Your Body's Tears
In den 60er, 70er und teilweise noch 80er Jahren des letzten Jahrtausends durfte die Welt eine kleine, filmische Invasion aus Italien erleben, die durch kunstvolle Linse Sex, Gewalt und Obsessionen prachtvoll aufblühen ließ. "Giallo" nannte man das, benannt nach den gelben Schundkrimiheftchen. Pulp Fiction also. Doch irgendwann war der Markt übersättigt, die Nachfrage versiegt. Das Genre lag - bis auf wenige Ausnahmen - brach. Und während einer der einflussreichsten Regisseure dieser Gattung, Dario Argento, weiterhin an seinem Niedergang werkelt, versetzen Hélène Cattet und Bruno Forzani mit "The Strange Colour of Your Body's Tears" dem Giallo eine ganz famose Frischzellenkur.
Von Oliver Forst.
Foto: Drop-Out Cinema


Das grenzt an LiebeDas grenzt an Liebe
Der Witwer und Kleingeist Oren Little, der mit lieblosen Sprüchen Kunden, Nachbarn und Freunde vergrault, wird durch die Zuwendung einer besonderen Nachbarin zum besseren Menschen. Zwar sieht man den beiden Hauptdarstellern und Altmeistern des Kinos, Michael Douglas und Diane Keaton, gerne beim Spielen zu. Aber weder ist dieser Film ein Schenkelklopfer noch hat er eine besondere Botschaft - mehr als unterhaltend ist er jedenfalls nicht.
Hollywood nimmt sich dem Thema "Alter" auf sehr eigene Art an - vor allem scheint es wichtig zu sein, dass es Komödien sind (es geistert schon in den schubladenliebenden Medien der Begriff "Rentnerkomödie" herum) die auf ganz subtile Art und Weise das Alter leicht herabwürdigen, ohne es beleidigen zu wollen.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Senator



Special: 36. Filmfestival Max Ophüls Preis 2015 (19. - 25. Januar 2015)


Festivalplakat Max Ophüls Preis 201536. Max Ophüls Preis 2015
Die Nachwuchs-Filmemacher seien älter geworden. Und damit reifer. Was man an ihren Filmen sehen könne. Dies sagte Festivalleiterin Gabriella Bandel bei der Eröffnung der 36. Ausgabe des Filmfestivals Max Ophüls Preis 2015. Sie meinte damit, junge Filmemacher begännen immer später ihre Karriere. Was in den sieben Tagen (19. bis 25. Januar 2015) beim Saarbrücker Festival zu sehen war, sollte Frau Bandels Äußerung nicht immer bestätigen: Viel cineastisches Mittelmaß war dabei, nur wenige Lichtblicke gab es im Hauptwettbewerb Langfilm. Bandel und der neue Programmleiter Oliver Baumgarten aus Köln müssen Pech mit dem Jahrgang gehabt haben. Schwierig war es für sie sicherlich, angesichts der mutmaßlichen Durchschnittlichkeit der meisten Filme, die eingereicht wurden, ein gutes Programm für den Hauptwettbewerb zu nominieren. Bandel und Baumgarten verzichteten auf Filme, die schon in Hof oder anderswo gezeigt wurden, um Ur- und deutsche Erstaufführungen an der Saar präsentieren zu können. Insgesamt 158 Filme incl. der Kurzfilme wurden gezeigt, davon 65 Produktionen in den einzelnen Wettbewerben bei 15 Auszeichnungen. 16 Filme waren im Hauptwettbewerb Langfilm vertreten. Nur einer von ihnen konnte den begehrten, mit 36.000 Euro dotierten Max Ophüls Preis erhalten. Die Wahl der Hauptjury fiel auf "Chrieg" des Schweizer Regisseurs Simon Jaquemet. Bemerkenswert: Auch die zweitwichtigste Auszeichnung des Langfilm-Wettbewerbs ging in die Schweiz, an "Driften" von Regisseur Karim Patwa.
Von Michael Dlugosch.
Foto: Ralph Taylor, www.tayloring.com / Max Ophüls Preis



Weitere neue Rezensionen


Words and Pictures - In der Liebe und in der Kunst ist alles erlaubt
In dem Film geht es um Worte und Bilder, genauer: um ihre unterschiedliche Wertigkeit. Wir blicken ins Innere einer amerikanischen Eliteschule. Jack Marcus (Clive Owen), der beliebte und eigenwillige Literaturlehrer, hat früher selbst erfolgreich Gedichte und Essays veröffentlicht. Er begeistert seinen Leistungskurs für die Poesie, für die Macht der Worte. (Wenn hier dem Lehrer mit Whitmans Worten "Captain, mein Captain!" gehuldigt wird, ist das eine deutliche Anspielung auf Peters Weirs "Der Club der toten Dichter".) Eine Widersacherin taucht auf, als der Schulleiter dem Kollegium eine neue Lehrerin vorstellt, Dina Delsanto (Juliette Binoche), die eine bekannte Künstlerin ist, als schwierig gilt und nun den Kunstleistungskurs übernimmt. Eine schwere rheumatoide Arthritis zwang sie zu diesem Berufswechsel.
Von Manfred Lauffs.

The Wackness - Verrückt sein ist relativ
New York 1994, die Musik ist dope und der Sommer mad hot...
Auch wenn der Film "The Wackness" von Regisseur Jonathan Levine über weite Strecken anders wirkt, am Ende ist er doch ein Liebesfilm. Am Anfang steht die Liebe zur Rapmusik und zur Hip Hop-Kultur, die den Protagonisten Luke Shapiro (Josh Peck) aber eben auch den ganzen Film ausmacht. Mit "The Wackness" ist es möglich, die Golden Era des New York Hip Hop in den USA der 1990er Jahre nachzuerleben. Die Geburtsstadt des Hip Hop wird mit Lukes Eiswagen erkundet, aus dem er Cannabis verkauft. Levine schafft eine derart melancholisch-pubertäre Grundstimmung, dass die Passagen, in denen Rap gespielt wird, eine geradezu erleichternde Wirkung haben; dieser stellt eine Möglichkeit dar, dem Alltag zu entfliehen. Selbst der Generationenkonflikt wird in "The Wackness" über Musik gelöst.
Von Nicolas Schumann.

Wenn die Gondeln Trauer tragen
Ein venezianischer Kanal im winterlichen Abendrot. Das Wasser schimmert darin. Schnitt. Grauer Himmel. Ein Mann steht dicht gedrängt mit anderen Personen auf einer Fähre. Er sieht sich misstrauisch um. Er erblickt auf einer vorbeifahrenden Fähre seine Frau Laura und die beiden seltsamen Schwestern, die die beiden in Venedig kennengelernt haben. Alle sind in schwarz gekleidet. Er ruft einmal laut nach ihr, rennt unterstützt von einem molto allegro des Orchesters Richtung Backbord und schreit noch energischer nach seiner Frau. Dann "sieht" er mit dem Auge der Kamera noch einmal die drei vorbeifahrenden Frauen aus einem ganz anderen Winkel. Wem diese Prozession gilt, ist weder ihm noch dem Zuschauer in diesem Moment klar. Protagonist John und das Publikum denken laut: "Laura ist doch gerade erst nach England abgereist!". Als er schließlich an Land geht, ist er sehr aufgebracht.
Von Nicolas Schumann.

Philomena
Spätestens durch Peter Mullans Spielfilm "Die unbarmherzigen Schwestern" (2002) sind die unglaublichen Vorgänge bekannt geworden: Im streng katholischen Irland der letzten Jahrhundertmitte wurden junge Mädchen von Klosterschwestern gedemütigt und gequält. Unverheiratete Mütter mussten im Kloster entbinden und danach Zwangsarbeit leisten, um die "Sünden" zu büßen. Bei den Geburten war kein Doktor zugegen, Schmerzmittel wurden nicht verabreicht, Schmerzen waren die Strafe für die "Lust".
Eine weitere Bebilderung der furchtbaren Verhältnisse liefert der Film "Philomena" von Stephen Frears. Philomena Lee (Judi Dench) ist pensionierte Krankenschwester und erinnert sich am 50. Geburtstag ihres Sohnes Anthony an die Vergangenheit: Er wurde als uneheliches Kind mit vier Jahren zur Adoption freigegeben, für 1000 Pfund.
Von Manfred Lauffs.

 



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Zitat

"Ich möchte keine Jasager um mich herum haben. Ich möchte, dass jeder mir die Wahrheit sagt - selbst wenn ihn das den Job kostet."

Produzent Samuel Goldwyn (1879 - 1974)

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