Special: 66. Berlinale 2016 (11. - 21. Februar 2016)


HediHedi
Wie der Hauptcharakter seiner allegorischen Kinoromanze drückt Regisseur Mohamed Ben Attia seine Intentionen lieber mit Bildern aus als mit Reden. Sogar seine Worte sind oft mehr Wortbilder, die unterstreichen, was die schlichte Handlung offenbar macht. Eines ist der Name des Protagonisten Hedi (Majd Mastoura), der zugleich seinen Seelenzustand und die filmische Atmosphäre beschreibt. Hedi bedeutet ruhig. Es meint sowohl die Ruhe vor dem Sturm der Gefühle, die den jungen Tunesier ergreifen werden, als auch die Ruhe nach dem Sturm der Revolution, die 2010/2011 das Land ergriff.
Das Ringen des wachgeküssten Protagonisten um und mit seiner persönlichen Freiheit wird zur Metapher für das Bestreben von Tunesiens junger Generation, sich ihre Selbstbestimmtheit und eigene Perspektiven zurückzuerobern. Es ist auch dramaturgisch ein Bild in simplen Zügen, aber dennoch ein ansehnliches.
Von Lida Bach.
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Frédéric Noirhomme/Nomadis Images/Les Films du Fleuve/Tanit Films


The Ones BelowThe Ones Below
Sobald man den giftgrünen Kunstrasen sieht, weiß man Bescheid. Selbst die Kritikerkollegen, die vor einer Pressevorführung nicht einmal den Namen des Regisseurs lesen, um möglichst unvoreingenommen in den Film zu gehen, wissen, was in David Farrs Thriller mit den titelgebenden Hausmitbewohnern los ist. Die sind Psychos!
Der hässliche Kunstrasen, den die hochschwangere Kate (Clemence Poésy) mit einem unguten Vorgefühl betrachtet, ist nur das erste Warnsignal. Weitere Vorzeichen folgen quasi im Minutentakt, nachdem die Wohnung im Erdgeschoss des Londoner Hauses von Kate und ihrem Freund Justin (Stephen Campbell Moore) bezogen wurde.
"The Ones Below" wirkt, als sei ein erheblicher Teil der Story rausgeschnitten worden, um den Film auf verträgliche 87 Minuten zu trimmen. Nach dem zu urteilen, was man von der Straight-To-DVD-Ware sieht, muss man leider sagen: Hauptsache nicht mehr davon.
Von Lida Bach.
Ein Film der Sektion Panorama der 66. Berlinale 2016
Foto: The One Below Linited


Hail, Caesar!Hail, Caesar!
Eddie Mannix (Josh Brolin) ist ein "Fixer". Der Hauptcharakter der Komödie, mit der Joel und Ethan Coen nach drei Jahren auf die Leinwand zurückkehren, bügelt in den 1950ern für das fiktive Studio Capitol Pictures die Eskapaden der Stars wieder aus. So viel reaktionäre Schönrederei, wie das konfuse Hollywood-Märchen liefert, ließe allerdings selbst Eddie erblassen.
Die diversen Anspielungen der Coens auf authentische Ereignisse sind so leicht zu entziffern wie die Aliase für reale Persönlichkeiten vor und hinter den Kulissen des alten Hollywood. Der trottelige Studio-Star Baird Whitlock (George Clooney), den kommunistische Drehbuchautoren vom Set des titelgebenden Films kidnappen und der in einem Seehaus im John-Lautner-Stil mit ihren Zielen sympathisiert, ist Kirk Douglas (der geblacklistete Autoren wie Dalton Trumbo unterstützte).
"Hail, Caesar!" ist eine ernüchternd witzlose Tour über nostalgische Film-Sets, wo altmodische Western-Serien, Wasserballett-Filme und Bibelschinken wortwörtlich vorgeführt werden.
Von Lida Bach.
Eröffnungsfilm der 66. Berlinale 2016
deutscher Kinostart: 18. Februar 2016
Foto: Universal Pictures


Qapirangajuq: Inuit Knowledge and Climate ChangeQapirangajuq: Inuit Knowledge and Climate Change
"Wissenschaftler reden über den Klimawandel mittels Studien über Umweltverschmutzung und Gifte. Inuit hingegen sprechen über die Auswirkungen, die in unserem Lebensalltag auftreten." Dieser bezeichnende Unterschied in Beobachtung und Kommunikation ist der Ausgangspunkt der faszinierenden Natur-Doku über das Wissen der Ureinwohner jener Regionen, in denen die globale Katastrophe am deutlichsten spürbar wird.
Filmemacher Zacharias Kunuk ("Atarnajuat - Die Legende vom schnellen Läufer"), selbst Inuk, und der Umwelt-Aktivist und Naturforscher Ian Mauro dokumentieren gemeinsam die sozialen und ökologischen Veränderungen einer Kultur, die womöglich dem Untergang geweiht ist. Diese düstere Prophezeiung betrifft dabei nicht nur die Ureinwohner Grönlands und Kanadas. Sie trifft die gesamte menschliche Bevölkerung. "Wenn wir unsere Natur verlieren, können wir nicht überleben", sagt einer der Inuk. Sie teilen in ihrer Muttersprache das Wissen und die Erkenntnisse und machen den Film damit zugleich zu einem Dokument ihrer Sprache.
Von Lida Bach.
Ein Film der Sektion NATIVe der 66. Berlinale 2016
Foto: Igloolik Isuma Productions


Noma - My Perfect StormNoma - My Perfect Storm
"Essen ist alles", heißt es einmal in Pierre Deschamps' abendfüllender Lobeshymne auf das Kopenhagener Gourmet-Restaurant Noma. Solche Aussprüche klingen, als ob jemand zu oft "Die kleine Raupe Nimmersatt" gelesen hat und das Kinderbuch einen Tick zu ernst nahm. Doch der filmische Blick hinter die Kulissen des Weltspitzen-Lokals geht mit seiner Ideologisierung der Nahrung und ihrer Zubereitung noch weiter: "Essen ist eine Metapher dafür, wie wir mit der Welt interagieren."
Falls dies zutrifft, erschließt sich aus der Art und Weise, wie im Noma mit Essen umgegangen wird, kein schmeichelhafter Eindruck von dessen Chefkoch René Redzepi. Er serviert in seinem oft Monate im Voraus ausgebuchten Gourmet-Tempel zu schwindelerregenden Preisen Menüs, deren einzelne Gänge irgendwo zwischen einem Stück frisch eingesammelter Natur (lebendige Ameisen) und nordischer Hausmannskost liegen.
Von Lida Bach.
Ein Film der Sektion Kulinarisches Kino der 66. Berlinale 2016, Deutschlandpremiere
Foto: Pierre Deschamps


The First, the LastThe First, the Last
Zwei gealterte Kopfgeldjäger auf der Jagd, zwei Kleinkriminelle auf der Flucht und dazu eine Gang von schmierigen Vorstadtschlägern. Ihre Wege kreuzen sich vor dem tristen Hintergrund grauer Landschaften, abbruchreifer Gebäude und Betonstraßen. Viel geredet wird nicht und der Soundtrack macht auf Spätwestern. Die Szenerie ist hässlich, die Charaktere noch mehr. So überrascht es kaum, dass Bouli Lanners' rauer Krimi kein sonderlich unterhaltsamer Anblick wird.
Die trockene Story um die Auftragskiller Cochise (Albert Dupontel) und Gilou (Bouli Lanners), die ein gestohlenes Handy wiederbeschaffen sollen, prahlt geradezu mit ihrer Ruppigkeit. Die starren Aufnahmen von Kameramann Jean-Paul de Zaeytijd erwecken den Eindruck, der Regisseur habe mehr Mühe in die Suche nach der idealen deprimierenden Location investiert, als in die Konstruktion der Handlung.
Von Lida Bach.
Ein Film der Sektion Panorama der 66. Berlinale 2016, Internationale Premiere
Foto: Kris Dewitte



Neue Rezensionen


Leoparden küßt man nicht
Ein junger, zunächst biederer Wissenschaftler, dessen Verlobte ihn an die Arbeit kettet. Eine junge Frau, die sich in den Mann verliebt - und ihn ebenfalls an etwas bindet: an sich selbst. In wilder, vergnüglicher Weise macht sie ihn von sich abhängig. Dazu kommen ein zahmer Leopard namens Baby, ein Foxterrier namens George, ein lange gesuchter Dinosaurier-Knochen und zahlreiche verschrobene Gestalten, die alle in die von der Frau ausgehenden Wirrnisse mit hineingezogen werden. Diese Mixtur schrieb Filmgeschichte. Kaum zu glauben: "Leoparden küßt man nicht" (Originaltitel: "Bringing Up Baby") floppte 1938 im Kino. Doch er war seiner Zeit ganz einfach weit voraus. Heute ist der Film mit den gut aufgelegten Hauptdarstellern Katharine Hepburn und Cary Grant die Definition für Screwball-Komödien.
Von Michael Dlugosch.


Aktuelle Filme


Die Schüler der Madame AnneDie Schüler der Madame Anne
Das Grundschema ist bekannt aus zahlreichen Schulfilmen, von "Der Pauker" über "Der Club der toten Dichter" bis zu "Fack ju Göhte": Eine schwierige Klasse bekommt den richtigen (guten) Lehrer (bzw. Lehrerin), wird gezähmt und schwingt sich zu ungeahnten Leistungen auf. Aber wenn das Ganze gut gemacht ist, sieht man es immer wieder gern. So auch hier. Die Rede ist von dem Film "Die Schüler der Madame Anne" aus dem Jahre 2014.
Das Gymnasium Léon Blum im Pariser Vorort Créteil ist eine Multi-Kulti-Schule, die in einem sozialen Brennpunkt liegt. Vom Äußeren her wirkt sie recht ansprechend, Beschädigungen und Graffiti sind kaum sichtbar. Dafür zeigen sich aber Probleme im Unterricht, z.B. in der Klasse 10, deren Klassenlehrerin Anne Gueguen heißt (Ariane Ascaride). Lust aufs Abi hat hier kaum jemand.
Von Manfred Lauffs.
Foto: Neue Visionen Filmverleih


SuffragetteSuffragette
Die längst überfällige Verfilmung der historischen Ereignisse rund um den vergleichsweise frühen und wagemutigen Kampf fürs Frauenwahlrecht der britischen "Suffragettes" 1912 (in Deutschland begann man damit erst 1918, und dann vielleicht auch nur wegen der unerschrockenen Vorkämpferinnen aus England) ist filmisch leider weniger beeindruckend als erhofft, aber politisch wichtig, da er immer noch aktuell ist. Wenn man sieht, mit welch barbarischen Methoden man noch Anfang des 20. Jahrhunderts Frauen unterdrückte, dann versteht man, warum sich der Kampf um Gleichberechtigung bis in die heutige Zeit hineinzieht und immer noch nicht am Ziel ist.
"Suffrage" ist das englische Wort für "Wahlrecht". Englische Frauen verlangten fünfzig Jahre lang auf friedlichem Wege die Wahlbeteiligung und wurden dafür verspottet und beschimpft, man machte sich über sie lustig.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Concorde Filmverleih


Mademoiselle Hanna und die Kunst, Nein zu sagenMademoiselle Hanna und die Kunst, Nein zu sagen
"Je suis à vous tout de suite" heißt das Langfilmdebüt der französischen Regisseurin Baya Kasmi im Original. Der willkürliche deutsche Verleihtitel macht dabei ausnahmsweise mal mehr Sinn als der echte. Zu der wirren Beziehungsklamotte sagt man als Zuschauer besser Nein. Eine Kunst ist das angesichts der unzusammenhängenden Story wahrhaftig nicht. Genauso wenig wie die oberflächliche Abhandlung einer ganzen Reihe brisanter Themen durch Kasmi und Co-Drehbuchautor Michel Leclerc. Den beiden bescheinigt das Pressematerial "Talent für die komödiantische Umsetzung gesellschaftlich relevanter Stoffe". Beim Talent wagt man zu zweifeln, aber relevante Stoffe hält der irritierend zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her springende Plot in der Tat bereit: Kindesmissbrauch, Familienfehde, religiöse Konflikte, Organspende ohne Einwilligung des Empfängers, Prostitution, dazu ein bisschen Drogendealerei und Körperverletzung... waren da noch mehr? Nach 100 Minuten weiß man es kaum.
Von Lida Bach.
Foto: X-Verleih


The Revenant - Der RückkehrerThe Revenant - Der Rückkehrer
Bäume und Felsen, eisige Kälte, reißende Wasser, Schnee und Eis. Weit weg von der Zivilisation, wo nur noch das eigene Gewissen die Grenze zwischen Gut und Böse ist, kann sich die animalische Seite des Menschen zeigen und ihr böses Ansinnen entfalten. Hier spielt sich die Geschichte des "Wiederkehrers" ab, der, von Biest und Mensch niedergemetzelt, es wieder und wieder schafft, ins Leben zurückzukehren, mit einem schier unbesiegbaren Überlebenswillen, um das Böse zu besiegen. Ein ebenso meisterhafter wie ungemein harter Film, der auch den Zuschauer an die Grenzen des Erträglichen führt. Der schillernde mexikanische Regisseur Alejandro G. Inárritu, der herausragende Werke wie "Biutiful" oder "21 Gramm" schuf, der für den untypischen "Birdman" etliche "Oscars" erhielt, den Tod und Surrealismus faszinieren, widmet sich jetzt dem Überlebenskampf des Trappers Hugh Glass, einer historisch realen Persönlichkeit.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Twentieth Century Fox of Germany


Die Peanuts - Der FilmDie Peanuts - Der Film
Kein Löwe, der aus dem New Yorker Zoo ausbricht, um eine abenteuerliche Reise nach Afrika zu starten. Keine Eichel, die den Erdboden spaltet und so für die Entstehung der Kontinente sorgt: Im neuen "Peanuts"-Streifen ist der Held, Charlie Brown, ein Kind inmitten anderer Kinder, sein Hund Snoopy kann zwar fliegen, tanzen und Schlittschuh laufen, aber nicht sprechen, und als außergewöhnliches Ereignis gilt, dass ein neues Mädchen in den Vorort zieht. Vor 65 Jahren schuf Charles M. Schulz, der fast fünf Jahrzehnte lang bis zu seinem Tod im Jahr 2000 noch zeichnete, seine Kindertruppe mit den großen Köpfen, den knolligen Nasen und den liebenswerten Marotten. Nun haben sein Sohn Craig Schulz und sein Enkelsohn Bryan Schulz die Drehbuchvorlage für den Animationsfilm geliefert, der zu Unrecht mit dem Vorwurf konfrontiert wird, sich vom Geist seines Schöpfers entfernt zu haben.
Von Jasmin Drescher.
Foto: Twentieth Century Fox of Germany


Ich bin dann mal wegIch bin dann mal weg
Hape Kerkeling überraschte 2006 mit einem ernsten Buch, das zum Bestseller avancierte. Was verblüffte, war der Inhalt: Der Comedian brauchte 2001 eine Auszeit, und dafür wählte er den Jakobsweg. "Ich bin dann mal weg" über sein Pilgern und die dabei gemachten Erfahrungen wurde laut Wikipedia bisher etwa vier Millionen Mal verkauft und blieb 100 Wochen auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste Sachbuch. Keine Frage: Der Erfolg rief nach Verfilmung. An Heiligabend 2015 startet sie in den deutschen Kinos und überträgt adäquat Kerkelings Buch auf die Leinwand. Das Gelungene wie das nicht so Gelungene. Das Wandern auf dem Camino erfährt durch die Adaption der Regisseurin Julia von Heinz ("Hannas Reise", 2013) perfekte Bebilderung, der Zuschauer spürt die Intentionen der Sinnsuchenden, deren innere Einkehr.
"Ich bin dann mal weg" ist ein Film, der niemandem weh tut. Außer vielleicht Puristen. Und Glückskeksphilosophie-Feinden.
Von Michael Dlugosch.
Foto: Warner Bros. Pictures Germany


Star Wars: Das Erwachen der MachtStar Wars: Das Erwachen der Macht
Am Ende von "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" schien alles im Lot zu sein. Der finstere Sith-Lord Darth Vader lüftete vor seinem letzten Atemzug noch fix die Maske, um seinem Sohn Luke die Ehre zu erweisen. Der zweite Todesstern war zerstört, mehr als genug Ewoks überlebten die Schlacht um Endor und Prinzessin Leia und der Space-Cowboy Han Solo gaben sich unter dem Beifall der anwesenden Helden das Ja-Wort. Ein kleiner Wermutstropfen war vielleicht, dass der Jedi-Meister Yoda kurz zuvor an Altersschwäche verstorben war - aber hey, der Mann wurde stolze 900 Jahre alt und war bei den Festivitäten immerhin als Machtgeist anwesend. Von nun an lebte die "Star Wars"-Family glücklich und zufrieden in einer weit, weit entfernten Galaxie - könnte man meinen. Doch weit, weit gefehlt!
Von Christian Horn.
Foto: The Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH


Star Wars: Das Erwachen der MachtStar Wars: Das Erwachen der Macht
Das Wiedersehen mit der alten Rebellenriege Han Solo, Chewbacca und Leia (bzw. Harrison Ford, Peter Mayhew und Carrie Fisher) 38 Jahre nach dem ersten "Krieg der Sterne" erfreut das Herz des wahren Star-Wars-Fans, und man fiebert auch lange dem beeindruckenden Kurzauftritt von Luke Skywalker (Mark Hamill) entgegen. Die Machart der siebten Episode (Verzicht auf computergenerierte Locations, viele Außenaufnahmen) knüpft logischerweise an die alten Rebellenzeiten der ersten Star Wars-Filme der 1970er und 1980er Jahre an, die nachträglich zu Episoden IV bis VI erklärt wurden, führt aber gleichzeitig eine neue Generation aufkeimender Macht auf beiden Seiten ein. Die Geschichte wirft einige Fragen auf, die absichtlich unbeantwortet bleiben, um den Weg für die folgenden Teile VIII und IX der neubegonnenen Trilogie zu ebnen.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: The Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH


Carol (2015)Carol (2015)
Die Liebesbeziehung in Todd Haynes' luxuriösem Melodrama ist nicht nur die der schüchternen Verkäuferin Therese (Rooney Mara) mit der Titelfigur (Cate Blanchett), es ist vor allem die der Kamera. Letzte stilisiert die makellos gekleidete und frisierte Blanchett in den akkuraten Interieurs des Nachkriegsamerikas, bis sie selbst fast Teil davon wird. Der Kampf gegen dieses Erstarren zu einem dekorativen Objekt ist der eigentliche Konflikt der präzisen Romanverfilmung. Sie erzählt weniger von einer Affäre als vom Mut, eine solche zu wagen.
Die Hindernisse davor vermittelt eine opulente Bildsprache in jedem Detail der perfekt rekonstruierten Eisenhower-Ära, die für die Gefühle der weiblichen Hauptfiguren nicht einmal einen angemessenen Begriff hat. Mehr als die vieldeutigen Dialoge sagen, verraten die Blicke zwischen Carol und Therese.
Von Lida Bach.
Foto: Wilson Webb / DCM Film Distribution


Der PerlmuttknopfDer Perlmuttknopf
"Es ist ein zeitloser Ort. Ein Archipel des Regens..." Schönheit und Tragik jener Wasserläufe Patagoniens ergründen die elegischen Bilder von Patricio Guzmáns Dokumentation. Die Sterne scheinen eine seltsame Kraft auszuüben, auf die Elemente, das Schicksal und auf den chilenischen Regisseur. Sein Auge und das der Kamera richten sich immer wieder zum Firmament, als suchten sie dort nach einer Erklärung für die Irrwege der Geschichte.
Der Titel spricht von den Perlmuttknöpfen, die vor Chiles Küste verstreut liegen. Ihr glänzendes Material stammt von der Schale der Mollusken auf dem Grund des Ozeans, der die größte Grenze des Landes ausmacht. Sie sind zurückgekehrt an den Ort ihres Ursprungs. Die Menschen, deren Körper im Meer versenkt wurden, warten noch darauf zurückzukehren.
Von Lida Bach.
Wettbewerbsfilm der 65. Berlinale 2015:
Silberner Bär für das beste Drehbuch
Preis der Ökumenischen Filmjury für einen Wettbewerbsfilm
Foto: Hugues Namur (über berlinale.de)


Mistress AmericaMistress America
Noah Baumbachs Dialoge klingen, als wolle er unbedingt zitiert werden, mindestens so sehr wie die Möchtegern-Schriftsteller seiner Story. Da ist es wohl ganz im Sinne des Regisseurs, dass man den Plot mit einem abgewandelten Zitat der Titelfigur Brooke (Greta Gerwig) beschreibt: Man hasst die Figuren, aber man ist verliebt in den Charme, den die die Schauspieler versprühen.
Schuld daran, dass die Sitcom trotz ihrer 90 Minuten Laufzeit bald ziemlich anstrengend wird, ist nicht zuletzt Baumbachs Herablassung gegenüber seinen unangepassten Charakteren. Sogar die Message scheint zu sein, dass die Konservativen gar keinen Grund hätten, die Indies zu beneiden. Denn die Individuellen sind vielleicht witzig und spontan, aber ständig am Rande der Existenznot und auch nicht wirklich glücklich. Ätsch. Diese verkappte Spießigkeit macht es schwer, die Story und ihre Protagonisten ins Herz zu schließen. Obwohl man das wirklich gerne würde.
Von Lida Bach.
Foto: Twentieth Century Fox of Germany


Bridge of Spies - Der UnterhändlerBridge of Spies - Der Unterhändler
In einer halbdunklen Wohnung steht ein Mann vor dem Spiegel, daneben eine Ölbild-Staffelei. Er malt ein Selbstporträt. Auf dem Weg zu einem klingelnden Telefon nimmt die Kamera Spionageausrüstung auf: aufeinander gestapelte Apparate, Kurzwellenradios, Verschlüsselungsmaschinen, Vergrößerungstechnik. Der Mann hebt den Hörer ab und sagt kein Wort, hört nur zu, legt dann auf. Schon die ersten Sekunden des Spielfilms ziehen den Zuschauer in den Bann, und es bleibt die ganze stattliche Länge des Films so (2 Stunden und 22 Minuten). Mitten im kalten Krieg sollen russische und amerikanische Spione auf der Glienicker Brücke in Berlin gegeneinander ausgetauscht werden. Dies ist die faszinierend gut erzählte Geschichte, wie es dazu kam.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Twentieth Century Fox of Germany


Eisenstein in GuanajuatoEisenstein in Guanajuato
"Ein langes, sich hinziehendes sinnloses Abenteuer, das nirgendwo hinführt", nennt Finanzmanager Hunter Kimbrough (Stelio Savante) das Filmvorhaben des manischen Regisseurs Sergei Eisenstein (Elmer Bäck) in Mexiko. Oder spricht er tatsächlich von Peter Greenaways wahnwitziger Persiflage?
Der britische Filmemacher zitiert auf der Pressekonferenz zu seinem Bärenkandidaten seinen Landsmann John Donne in einer persönlichen Version: "No film is an island." Es gibt immer einen filmhistorischen Bezug, wenn nicht im Kopf des Regisseurs, dann in dem des Zuschauers. Der ist auf der Berlinale mal belustigt, mal irritiert und bisweilen abgestoßen von der gewagten Groteske, die trotz ihrer allzu angestrengten Offensivität beeindruckt. Mit lustvoller Drastik illustriert der von Körperflüssigkeiten und Exkrementen mindestens ebenso wie von seinen ewigen Themen Sex und Tod faszinierte Greenaway die Exzessivität seiner Titel- und Symbolfigur.
Von Lida Bach.
Wettbewerbsfilm der 65. Berlinale 2015
Foto: Berlinale


SpectreSpectre
Daniel Craigs Debüt als James Bond in "Casino Royale" war ein wichtiger Neustart für die traditionsreiche Kinoreihe. Mit dem letzten Brosnan-Bond "Stirb an einem anderen Tag" hatte das Franchise zuvor einen Tiefpunkt erreicht, für den der unsichtbare Aston Martin - das wohl schwachsinnigste Gadget der Bond-Historie - quasi stellvertretend steht. Mit "Casino Royale" holte Regisseur Martin Campbell ("Goldeneye") die Bond-Reihe auf den Boden der Tatsachen zurück. In Anlehnung an die Romane von Ian Fleming verkörperte Daniel Craig einen kantigen Bond, den es bezeichnenderweise nicht einmal interessierte, ob sein Wodka Martini geschüttelt oder gerührt ist.
Diese Zäsur hatte das Bond-Franchise bitter nötig. Genauso sinnvoll war auch der revisionistische Eingriff, den Regisseur Sam Mendes ("American Beauty") mit "Skyfall" unternahm. Hier war 007 wieder deutlich "bondiger" als in den beiden Abenteuern davor.
Von Christian Horn.
Foto: Sony Pictures



Neue Rezensionen (Fortsetzung)



The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben
"Wenn Sie auch nur ein Wort darüber verlieren, was sie hier wirklich tun, werden Sie wegen Hochverrats hingerichtet", lässt Geheimagent Menzies die beiden Job-Aspiranten wissen. "Und was ist es, was wir wirklich tun?" erkundigt sich Neuankömmling Joan schüchtern. "Oh - wir entschlüsseln einen nicht entschlüsselbaren Nazi-Code und gewinnen den Krieg", erklärt Mathematiker Alan Turing gespielt lapidar. Das Knacken der Einstellungen der deutschen Enigma-Maschine steht im Zentrum der Handlung von "The Imitation Game". Von den Deutschen während des Zweiten Weltkriegs zur Kodierung der gesamten Militärkommunikation genutzt, lieferte die Dekodierung durch die Briten den Alliierten Informationen, die den Krieg um geschätzte zwei Jahre verkürzten. "The Imitation Game" entfernt sich jedoch deutlich vom historischen Geschehen und darf nicht als Biopic missverstanden werden.
Von Jasmin Drescher.

Ein Sommer in der Provence
Ja natürlich: Fast alle Provence-Klischees kommen vor, die Olivenhaine, die typischen Speisen und Gewürze, die sonnendurchflutete karge Landschaft, schwarze Stiere, die über die Wiesen laufen, romantische Dorffeste ... aber sie stimmen ja auch alle und geben somit der ganzen Geschichte ihre wichtigen Ingredienzien. Für die Teenager Léa (Chloé Jouannet), Adrien (Hugo Dessioux) und ihren taubstummen kleinen Bruder Théo (Lukas Pelissier) beginnen die Sommerferien. Zum ersten Mal fahren sie in die Provence zu ihrem Großvater Paul (Jean Reno), den sie wegen eines Familienzwistes gar nicht persönlich kennen. Das nächste Kino ist 10 km entfernt, der Internetzugang ist begrenzt. Das ist nicht der coole Urlaub, den sie sich gewünscht sich haben, selbst wenn Großmutter Irène (Anna Galiena) in Gegensatz zu ihrem grantigen Mann die Kinder mit Freude empfängt.
Von Manfred Lauffs.

Kiss the Cook - So schmeckt das Leben!
Jon Favreau war früher Schauspieler und ist nun Regisseur von Blockbustern (z. B. "Iron Man"). In "Kiss the Cook - So schmeckt das Leben!" vereint er seine "Berufe", er ist Produzent, Drehbuchautor, Regisseur und spielt die Hauptrolle, den Meisterkoch Carl Casper. Der Film mischt verschiedene Genres, neben der Kochthematik steht die Liebeskomödie, auch als Roadmovie ist der Streifen anzusehen.
Im Feinschmecker-Restaurant "Gauloises" in Los Angeles ist Carl der Küchenchef. Der Restaurantbesitzer Riva (Dustin Hoffman) ist nicht für Innovationen zu haben und verlangt immer die gleichen traditionellen Speisen. Das führt zu einer vernichtenden Kritik des Restaurantkritikers Ramsey Michel (Oliver Platt), die in dem Satz gipfelt: "Seine (Caspers) dramatische Gewichtszunahme lässt sich nur so erklären, dass er das ganze Essen aufisst, das in die Küche zurückgeschickt wird." Auch das bringt Riva nicht zum Einlenken. Carl fühlt sich in seiner Kreativität eingeengt und kündigt.
Von Manfred Lauffs.

 



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Zitat

"Ich habe das Bedürfnis, die Filme von Griffith ständig zu sehen, ich habe das Bedürfnis, die Filme von Eisenstein ständig zu sehen, die Filme von Murnau, aber ich habe auch das Bedürfnis, die zeitgenössischen Filme zu sehen. Weil man selbst nur Filme macht in Bezug auf andere Cineasten. Man macht keine Filme im Abstrakten. Man projiziert keine innere Vision, die man im Kopf hat, das gibt es nicht. So etwas ist falsch. Man macht Filme in Bezug auf das, was bereits gemacht wurde von den großen Cineasten der Vergangenheit, jenen, die das Kino begründeten, und in Bezug auf jene, die unsere Zeitgenossen, unsere Nachfolger sind. (...) Um einen Film wirklich zu lieben, muss man bereits ein Cineast sein. Einen Film zu lieben, das ist bereits der Akt eines Cineasten."

Regisseur Jacques Rivette (01.03.1928 - 29.01.2016)

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