Aktuelle Filme


Findet DorieFindet Dorie
"Ich leide unter Gedätchnisverschwund" sagt Babyfisch-Dorie mit riesengroßen Kulleraugen - wer kann diesem Blick widerstehen? Schon als "Kind" ist Dorie hilflos, und dadurch gefährdet, aber sehr mitfühlend, freundlich und hilfsbereit. Das Sequel des erfolgreichen "Findet Nemo" ist weniger dramatisch, emotional weniger tiefgehend, aber sympathisch und bezaubernd wie sein Vorgänger. Dennoch fehlt die "Traumwelt" des Great Barrier Reef des ersten Teils, und das abenteuerliche Roadmovie-Feeling mit gefährlichen (Haien) und humorvollen (Hechtgruppe) Begegnungen, die konfliktbehaftete Begegnung mit Menschen sowie die innerliche Weiterentwicklung der Figuren - der Vater, der loslassen muss, um Vertrauen neu zu erlernen. Dories Geschichte der Suche nach ihren Eltern stellt neue Charaktere vor, sie ist witzig und auch rührend, aber sie hinterlässt keine großen Spuren.
Von Hilde Ottschofski.
deutscher Kinostart: 29. September 2016
Foto: The Walt Disney Company (Germany) GmbH


And-ek Ghes...And-ek Ghes...
"Eines schönen Tages..." bedeutet der Titel der experimentellen Mixtur aus Familienvideos und Laienschauspiel. Es ist ein Erstlingswerk für den Mann hinter der Kamera oder genauer gesagt: den Mann mit der Kamera in der Hand. Colorado Velcu filmt die Ankunft seiner rumänischen Familie in Berlin und die ersten Wochen in dem neuen Zuhause. Initiator des semi-dokumentarischen Projekts ist Filmemacher Philip Scheffner, der im Forum der diesjährigen Berlinale mit dem ebenfalls zwischen Fiktion und Reportage driftenden "Havarie" vertreten ist.
Scheffner, der auf der Berlinale 2012 mit seiner Doku "Revision" beeindruckte, fungiert hier offiziell ausschließlich als Produzent. Allerdings scheint die Familie Veclu zu glauben, sie solle nicht nur ihren Alltag dokumentieren, sondern nachgestellte Szenen im Stil einer Mockumentary drehen. Oder vielleicht sogar einen Amateurfilm? Das Resultat ist eine Art überlanges Heimvideo, bei dem man oft nicht weiß, wo der Spaß aufhört und der Ernst des Lebens anfängt.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Forum
Foto: Khaled Abdulwahed


Hedis HochzeitHedis Hochzeit
Wie der Hauptcharakter seiner allegorischen Kinoromanze drückt Regisseur Mohamed Ben Attia seine Intentionen lieber mit Bildern aus als mit Reden. Sogar seine Worte sind oft mehr Wortbilder, die unterstreichen, was die schlichte Handlung offenbar macht. Eines ist der Name des Protagonisten Hedi (Majd Mastoura), der zugleich seinen Seelenzustand und die filmische Atmosphäre beschreibt. Hedi bedeutet ruhig. Es meint sowohl die Ruhe vor dem Sturm der Gefühle, die den jungen Tunesier ergreifen werden, als auch die Ruhe nach dem Sturm der Revolution, die 2010/2011 das Land ergriff.
Das Ringen des wachgeküssten Protagonisten um und mit seiner persönlichen Freiheit wird zur Metapher für das Bestreben von Tunesiens junger Generation, sich ihre Selbstbestimmtheit und eigene Perspektiven zurückzuerobern. Es ist auch dramaturgisch ein Bild in simplen Zügen, aber dennoch ein ansehnliches.
Von Lida Bach.
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Frédéric Noirhomme/Nomadis Images/Les Films du Fleuve/Tanit Films


24 Wochen24 Wochen
Es sei nur Schicksal, sagt ein Kinderchirurg, mit dem Astrid (Julia Jentsch) spricht. Die starke Hauptfigur von Anne Zohra Berracheds nuanciertem Drama wird später ihrer kleinen Tochter Nele (Emilia Pieske) sagen: "Manchmal macht die Natur solche Sachen." Eine solche Sache ist das Leid, das bevorsteht, wenn Astrid ihr Baby austrägt: ihr selbst, ihrer Familie, vor allem aber dem schwerst behinderten Kind. Es sei denn, sie entschließt sich anders.
Mit der schmerzlichen Entscheidungsfindung befasst sich die Regisseurin in ihrem ebenso einfühlsamen wie informiertem Porträt. Dessen Zentrum ist die beeindruckende Julia Jentsch, die von Überschwang bis Verzweiflung alle Emotionen meistert. Ihre Figur ist weit entfernt von den Stereotypen um Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch in Betracht ziehen. Die Kabarettistin Astrid steht beruflich und privat fest im Leben. Sie ist das Gegenteil all der fiktionalen psychisch und sozial labilen Frauenfiguren, die abtreiben, weil sie liebesunfähig und lebensuntauglich sind.
Von Lida Bach.
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Friede Clausz


The Music of Strangers: Yo-Yo Ma and the Silk Road EnsembleThe Music of Strangers: Yo-Yo Ma and the Silk Road Ensemble
Beide haben zahlreiche Auszeichnungen eingeheimst und ihr neues Werk könnte ihnen noch mehr bringen. Die Zusammenarbeit des in Frankreich geborenen Cellisten Yo-Yo Ma und Dokumentarfilmer Morgan Neville aus L. A. ist für Musik- und Kinofans gleichermaßen spannend. Der Regisseur von "20 Feet from Stardom" macht die Entstehungsgeschichte eines außerordentlichen Ensembles zu einem Leinwanderlebnis.
"The Music of Strangers" beginnt als konventionelle Filmbiografie. Auf Archivmaterial sieht man unter anderem, wie Ma im Alter von nur sieben Jahren von Leonard Bernstein in einer TV-Sendung vorgestellt wird und dank seiner Hochbegabung die musikalische Welt im Sturm erobert. Doch sein Werdegang zu einem der größten Cellisten der Gegenwart ist nur der Auftakt zum eigentlichen Thema der Musik-Dokumentation. Die klassische Karriere war für Ma gerade aufgrund seiner natürlichen Begabung nie eine Herzensangelegenheit. Also suchte er nach einem Projekt mit dem Potential, das zu werden.
Von Lida Bach.
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Berlinale Special Gala
Foto: Silk Road Project


Toni ErdmannToni Erdmann
Seit "Palermo Shooting" von Filmemacher Wim Wenders 2008 war kein deutscher Film im Wettbewerb von Cannes vertreten. Das französische Filmfestival holt sich nur das Beste vom Besten, so auch im Fall von "Toni Erdmann": Regisseurin Maren Ade gelingt ein tragikomisches Feuerwerk an packenden Einfällen, wenn ein sozial eingestellter Mann seine Tochter besucht und aus dem Sumpf neoliberaler Entfremdung herausholen will, indem er sich kurzerhand in ihr Leben einmischt. Publikum und Kritik sind fast einhellig begeistert. Zu recht.
Maren Ade schaffte es, ihre drei bisherigen Spielfilme in hochklassigen Filmfesten unterzubringen: "Der Wald vor lauter Bäumen" beim Sundance-Festival 2005 (Special Jury Award), "Alle Anderen" bei der Berlinale 2009 (Großer Preis der Jury), nun "Toni Erdmann" in Cannes 2016. Dessen Jury war der Film wohl zu lustig, er ging leer aus, abgesehen vom Fipresci-Preis, der Auszeichnung der Internationalen Filmkritik.
Von Michael Dlugosch.
Foto: Komplizen Film



Neue Rezensionen


Effi Briest (2009)
"Effi Briest", Theodor Fontanes bekanntester Roman, 1894 bis 1896 erschienen, handelt von unglücklicher Ehe und glücklicher, aber zweifach tödlicher Affäre. Fontane kritisierte in "Effi Briest" die Ehen aus Konvention zu seiner Zeit und warnt junge Frauen vor dem Fehler, nicht aus Liebe, sondern wegen Geld und Ansehen zu heiraten. Im Roman sind alle Sympathien des Dichters bei Effi, auch wenn sie am Ende tot ist. In der Verfilmung von 2009 lässt Regisseurin Hermine Huntgeburth die Heldin nicht sterben, sondern diese emanzipiert sich, als die Scheidung durch ist und auch das gemeinsame Kind an den Ex-Gatten verloren. Eine erfrischende Neuinterpretation von Fontane? Mitnichten. Das neue Ende kommt zu kurz, Huntgeburth fügt ein paar Sexszenen hinzu, die nicht zum konservativen Habitus des Films passen, und in der Liebe Effis zu Major Crampas pilchert es gewaltig. Man sehnt sich nach Rainer Werner Fassbinders Version des Stoffes zurück.
Von Michael Dlugosch.


Aktuelle Filme (Fortsetzung)


Zero DaysZero Days
Ja, er sei wütend, sagt Alex Gibney auf der Pressekonferenz auf der Berlinale. Wütend über das unglaubliche Ausmaß an Geheimhaltung in den USA und darüber, wie es etwas Zwanghaftes geworden sei, das der Demokratie schadet. Sein packender Cyber-Thriller konzentriert sich nominal auf den Computer-Wurm Stuxnet. Dahinter jedoch steht ein neues Postulat gegen Obskurantismus.
Unterschwellig spielten die Mechanismen von Geheimhaltung und Vertuschung bereits in mehreren Filmen des umtriebigen Regisseurs eine Schlüsselrolle. "Taxi to the Dark Side", für den er 2008 einen Oscar gewann, "Casino Jack and the United States of Money" (2010), "We steal Secrets: The Story of WikiLeaks" (2013) und zuletzt "Going Clear: Scientology and the Prison of Believe" (2014) behandelten alle neben ihrer spezifischen Thematik die politischen, sozialen und humanen Konsequenzen von großangelegter staatlicher oder klerikaler Verschleierungstaktik.
Von Lida Bach.
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Berlinale


Captain Fantastic - Einmal Wildnis und zurückCaptain Fantastic - Einmal Wildnis und zurück
Dieser zweite Spielfilm des Regisseurs Matt Ross (u.a. auch Schauspieler) setzt qualitativ höhere Maßstäbe für seine kommenden Werke. Wenn auch der missglückte Titel eher an einen Comic-Superhelden denken lässt, so steckt dahinter etwas völlig anderes: die Suche nach dem besten Lebensentwurf, nach Wahrheit, nach Offenheit in der Kindererziehung, nach dem Erhalt von Menschenrechten, nach Freiheit und Werten für das ganze Leben. Die Gegenüberstellung einer radikalen Lebensentscheidung des völligen Rückzugs aus der Zivilisation und Jahre später die Konfrontation mit der "schönen neuen Welt", die da draußen existiert, ist ein überwiegend unangenehmes Spiegelbild unserer heutigen Gesellschaft.
Nachdem Ben sich mit Frau und Kindern in der Wildnis des Pazifischen Nordwestens (nördlich von Kalifornien) für einen langjährigen Abschied von der Zivilisation entschied, investierte er alle seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten, um seine zwei Töchter und vier Söhne im Felswände Erklimmen, Jagen, Wild Ausnehmen, Kochen oder Gärtnern zu unterrichten.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Universum Film


Alles was kommtAlles was kommt
"Der radikale Verlierer" heißt eines der Bücher, in das sich die alternde Philosophie-Lehrerin Nathalie (Isabelle Huppert) vertieft. Das Cover, das Regisseurin und Drehbuchautorin Mia Hansen-Love dem Zuschauer entgegenhält, verweist auf die spießbürgerlichen Konzepte von Protagonisten und Plot ihrer seichten Hommage an die Bourgeoisie.
Radikalismus oder die soziale Ambition, die Nathalie als solchen abkanzelt, sei etwas, worüber sie hinweg sei. Wenn die privilegierte 55-Jährige diese Worte mit wohlgewählter Herablassung gegenüber einer jungen Studentin äußert, spricht sie indirekt zugleich für die Filmemacherin. Letzte hat die adrette Salongeschichte scheinbar einzig konstruiert, um diesen und ähnliche bürgerliche Glaubenssätze zu lehren. So wie Nathalie, die an einem Pariser Lycée ihren Schülern den malerischsten, produktivsten, einfach wunderbarsten Unterricht der Welt gibt - wenn man sie denn nur lässt.
Von Lida Bach.
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Berlinale


Genius - Die tausend Seiten einer FreundschaftGenius - Die tausend Seiten einer Freundschaft
Da steht er im Gang des Verlagsgebäudes von Scribner's Sons und schreit einfach drauflos. Er reißt die Arme in die Luft, geht in die Knie und schreit vor Freude so laut, dass es Verleger Maxwell Perkins noch durch die gemauerten Wände hören kann. Dieser hält inne, für den Bruchteil einer Sekunde vielleicht. Weder verdreht er die Augen, noch seufzt er oder hebt die Augenbrauen. Und lässt den Zuschauer doch unmissverständlich wissen, dass derlei Gefühlsausbrüche absolut nicht seine Sache sind. Ganz im Gegensatz zum gerade von ihm entdeckten Schriftsteller Thomas Wolfe, aus dem alles ungehemmt heraussprudelt: Wörter, Sätze, Gefühle, Meinungen, Urteile. Michael Grandage, bislang der Theaterarbeit zugetan, inszeniert in seinem Filmdebüt eine Arbeits- und Machtbeziehung zwischen zwei Männern, die vor allem von der komplementären Charakterzeichnung und beeindruckenden Schauspielkunst Colin Firths und Jude Laws lebt. "Genius" ist gut gemachte Unterhaltung mit einigen Schwächen - genial ist er nicht.
Von Jasmin Drescher.
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Marc Brenner/Pinewood Films


SeefeuerSeefeuer
Nachdem Regisseur Gianfranco Rosi 2013 mit "Sacro GRA" in Venedig den Goldenen Löwen gewann, könnte ihm auf der Berlinale ein ähnlicher Erfolg gelingen. Zurückhaltende und dennoch einprägsame Bilder, durchbrochen durch die Perspektive eines zwölfjährigen Jungen, zeigen einen kleinen Flecken Land im Mittelmeer. Lampedusa wird in Rosis eindringlicher Doku zum Markstein des Umgangs Europas mit den verzweifelten Menschen, die hier fast täglich landen.
Als der Regisseur im Herbst 2014 zum ersten Mal die Insel betrat, wollte er ursprünglich einen Kurzfilm drehen. Ein zehnminütiges Stück für ein internationales Filmfestival. Gelungen ist ihm nur der zweite Teil des Vorhabens. "Fuocoammare", so der Originaltitel, läuft dieses Jahr als einer von zwei Dokumentarfilmen im Wettbewerb. Doch aus zehn Minuten sind fast 110 geworden.
Von Lida Bach.
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016, Goldener Bär 2016
Foto: Berlinale


Die GeträumtenDie Geträumten
"Ich gehöre zu den Menschen, den altmodischen, die den Brief noch für ein Mittel des Umgangs halten, der schönsten und ergiebigsten eines." Es ist Rainer Maria Rilke, der hier so leidenschaftlich sein Plädoyer für das Medium Brief einleitet. Dass eine Korrespondenz per Brief auch im Whatsapp-Zeitalter noch das Interesse zweier junger Menschen zu wecken vermag, ist die Arbeitshypothese von Ruth Beckermann. Die österreichische Regisseurin lässt den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan im Wechsel vom Schauspieler Laurence Rupp und der Musikerin Anja Plaschg lesen. Die Kamera ist als unaufdringlicher Begleiter dabei, erfasst ruhig, was geschieht - auch in den Pausen. "Die Geträumten" erweckt eine vergangene Liebe zum Leben, die vom Ringen um Worte zum Ausdruck des eigenen Inneren bestimmt ist. Gleichzeitig setzt er auf die transformative Kraft der Worte. Auf der diesjährigen Berlinale laufen einige Filme, die behaupten, sich mit Literaten und ihren Beziehungen, auch ihrem literarischen Schaffen zu befassen. Dieser hier tut es wirklich.
Von Jasmin Drescher.
deutscher Kinostart: 27. Oktober 2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Forum
Foto: Ruth Beckermann Filmproduktion


Mapplethorpe: Look at the Pictures
Der Titel könnte kaum eine direktere Aufforderung sein. Ihr nachzukommen lohnt sich nicht dank der Fülle an teils unveröffentlichten Materials, das Fenton Bailey und Randy Barbato in ihrer Filmbiografie enthüllen. Die explizite, oft homoerotisch und sadomasochistisch gefärbte Fotografie Robert Mapplethorpes präsentiert sich dem Zuschauer nicht nur in ihrer Skandalwirkung, sondern ihrem kulturellen Einfluss und Ausdruck einer schillernden Persönlichkeit.
Er wollte es schaffen, heißt es von Mapplethorpe: ein herausragender Fotograf sein, nicht nur ein guter. Diese Mischung aus Ehrgeiz und Egozentrik kristallisiert sich in der klarsichtigen Dokumentation als eine seiner markantesten Eigenschaften heraus. Aufgewachsen in New York als Kind römisch-katholischer Eltern, begann Mapplethorpe ein Kunststudium am Pratt Institute in Brooklyn. In dieser Zeit begann auch die Freundschaft zu seiner engen Vertrauten Patti Smith, deren Album "Horses" eine von Mapplethorpes Fotografien von Smith ziert. Die komplexe Beziehung zu Rockmusikern ist nur eine von vielen, die Mapplethorpe zu schillernden Künstlern der Ära hatte.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 3. November 2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Panorama Dokumente


The Wounded AngelThe Wounded Angel
Mit seinem unerbittlichen Drama "Harmony Lessons" gewann Emir Baigazin vor drei Jahren im Wettbewerb der Berlinale den Preis für eine herausragende künstlerische Leistung. Nun kehrt der kasachische Regisseur mit "The Wounded Angel" zur Berlinale zurück. Die filmische Fortführung des Themas zerstörter Jugend befasst sich auf stilistisch ähnliche Weise mit dem Leben inmitten einer erodierenden Gesellschaft.
Der als Mittelstück einer epischen Trilogie angesetzte Film ist unterteilt in mit bedeutsamen Überschriften wie "Schicksal" betitelten Kapiteln. Sie erzählen in schwermütigen Langeinstellungen von vier Jugendlichen im Kasachstan der 90er Jahre. Dort, erklärt eine Titelkarte zu Beginn, wurde von der Regierung, um den bankrotten Staat zu retten, Abend für Abend der Strom abgedreht. Die staatlich verordnete Finsternis wird zur Metapher für die düstere Zukunft, die sich vor den Figuren auftut. Niemand entrinnt dem Kreislauf von wirtschaftlicher Repression, Kriminalität und Korruption.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 3. November 2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Panorama Special
Foto: Berlinale


Soy NeroSoy Nero
Das Identitätsbewusstsein, das Rafi Pitts dem Hauptcharakter seines existenzialistischen Dramas im Titel zuspricht, enthüllt sich in der kargen Szenerie als brüchiges Konstrukt. Die harsche Coming-of-Age-Story filtert durch das konzentrierte Auge der Kamera den Zynismus der amerikanischen Grenzpolitik heraus und zeigt den verzweifelten Kampf des Hauptcharakters (Johnny Ortiz) als aussichtslose Jagd innerhalb eines Teufelskreises.
In diesem perfiden System kann der junge Mexikaner Nero höchstens seine Position ändern, nicht jedoch ihm entkommen. Diese bittere Gewissheit zeigt nicht nur die Geschichte des illegalen Einwanderers, der für die amerikanische Staatsbürgerschaft in den Krieg zieht. Die elliptische Handlung vermittelt ein Gefühl von Unausweichlichkeit, die jede Entscheidung des Protagonisten im Grunde alternativlos scheinen lässt. Regisseur und Drehbuchautor Pitts ("Zeit des Zorns") teilt den Plot in zwei Akte, die fast zwei unterschiedliche Filme sein könnten.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 10. November 2016
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Berlinale


Jeder stirbt für sich allein (2016)Jeder stirbt für sich allein (2016)
Regisseur Vincent Perez erzählt in seinem Historiendrama eine wohlbekannte Geschichte, die bis heute so manche Anhänger findet. Es ist nicht die von Hans Falladas zugrundeliegendem Roman "Jeder stirbt für sich allein", sondern das Lügenmärchen, das die Filmadaption daraus strickt: vom stillen Widerstand der Deutschen gegen Hitler und den Nazis als bemitleidenswerten Gutgläubigen, die hinters Licht geführt wurden.
Die Opfer in der abgeschmackten Literaturverfilmung sind nicht die jüdische Nachbarin Frau Rosenthal, die sich im Handlungsjahr 1940 im Dachgeschoss einer Berliner Wohnung versteckt hält und sich schließlich aus dem Fenster stürzt. Nicht Herr Rosenthal, der abgeholt wurde und nicht die jüdischen Mitbürger, die enteignet, terrorisiert und ermordet wurden und werden. Die Opfer sind andere...
Es wundert nicht, dass Falladas Roman nach dem Erscheinen 1946 hierzulande zum Bestseller wurde. Für all die Mitläufer und Parteigänger ist er die perfekte Apologie. Es gibt keine guten Nazis. Höchstens im Kino.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 17. November 2016
Ein Wettbewerbsfilm der 66. Berlinale 2016
Foto: Marcel Hartmann, X-FIlme Creative Pool


The First, the LastThe First, the Last
Zwei gealterte Kopfgeldjäger auf der Jagd, zwei Kleinkriminelle auf der Flucht und dazu eine Gang von schmierigen Vorstadtschlägern. Ihre Wege kreuzen sich vor dem tristen Hintergrund grauer Landschaften, abbruchreifer Gebäude und Betonstraßen. Viel geredet wird nicht und der Soundtrack macht auf Spätwestern. Die Szenerie ist hässlich, die Charaktere noch mehr. So überrascht es kaum, dass Bouli Lanners' rauer Krimi kein sonderlich unterhaltsamer Anblick wird.
Die trockene Story um die Auftragskiller Cochise (Albert Dupontel) und Gilou (Bouli Lanners), die ein gestohlenes Handy wiederbeschaffen sollen, prahlt geradezu mit ihrer Ruppigkeit. Die starren Aufnahmen von Kameramann Jean-Paul de Zaeytijd erwecken den Eindruck, der Regisseur habe mehr Mühe in die Suche nach der idealen deprimierenden Location investiert, als in die Konstruktion der Handlung.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 29. Dezember 2016
Ein Film der Sektion Panorama der 66. Berlinale 2016, Internationale Premiere
Foto: Kris Dewitte


HavarieHavarie
Womöglich wollen der Dokumentarfilmer Philip Scheffner und die Berliner Autorin Merle Kröger dem Publikum mit ihrem zweigleisigen Projekt "Havarie" einen Eindruck davon geben, wie es sich anfühlt, verloren auf dem Mittelmeer zu treiben. Womöglich wollen sie etwas Elementares vermitteln über den Umgang mit flüchtenden Menschen, die gefangen sind zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen einem neuen Leben und dem Tod. Oder vielleicht ist alles einfach nur gutes Marketing.
Der Film entstand aus der gemeinsamen Recherche Scheffners und seiner Lebenspartnerin Kröger, deren Buch auf Platz Eins der KrimiZeit-Bestenliste steht. Neben dem Titel scheinen die beiden Werke allerdings vor allem gemein zu haben, dass etwas auf hoher See treibt. Im Buch sind es vier Schiffe, deren Reiserouten sich zufällig kreuzen. Jede Besatzung steht für eine spezielle Perspektive auf die Flüchtlingslage.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 26. Januar 2017
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Forum
Foto: pong


Noma - My Perfect StormNoma - My Perfect Storm
"Essen ist alles", heißt es einmal in Pierre Deschamps' abendfüllender Lobeshymne auf das Kopenhagener Gourmet-Restaurant Noma. Solche Aussprüche klingen, als ob jemand zu oft "Die kleine Raupe Nimmersatt" gelesen hat und das Kinderbuch einen Tick zu ernst nahm. Doch der filmische Blick hinter die Kulissen des Weltspitzen-Lokals geht mit seiner Ideologisierung der Nahrung und ihrer Zubereitung noch weiter: "Essen ist eine Metapher dafür, wie wir mit der Welt interagieren."
Falls dies zutrifft, erschließt sich aus der Art und Weise, wie im Noma mit Essen umgegangen wird, kein schmeichelhafter Eindruck von dessen Chefkoch René Redzepi. Er serviert in seinem oft Monate im Voraus ausgebuchten Gourmet-Tempel zu schwindelerregenden Preisen Menüs, deren einzelne Gänge irgendwo zwischen einem Stück frisch eingesammelter Natur (lebendige Ameisen) und nordischer Hausmannskost liegen.
Von Lida Bach.
deutscher Kinostart: 9. Februar 2017
Ein Film der Sektion Kulinarisches Kino der 66. Berlinale 2016
Foto: Pierre Deschamps



Neue Rezensionen (Fortsetzung)


Desierto
Ein Pritschenwagen mit Ladeaufbau sitzt fest in der Wüste. Motorschaden. Im Transporter zusammengepfercht Menschen: Mexikaner, die darauf hoffen, in die USA geschleust zu werden. Einer von ihnen, Moises, ist Mechaniker. Er kann das Problem benennen, den Motor wieder zum Laufen bringen kann er nicht. So bleibt, um die Grenze zu überqueren, nur der beschwerliche Fußmarsch durch die Wüste.
Die Schlepper nehmen keine Rücksicht auf die Schwächeren; eine kleine Gruppe müht sich vergebens, zum Hauptfeld aufzuschließen. Dann fallen Schüsse. Die Nachzügler sehen, wie die Hauptgruppe aus dem Hinterhalt niedergeschossen wird. Als der Täter die Zeugen bemerkt, setzt er alles daran, auch sie zu töten.
Von Marcus Gebelein.

Birnenkuchen mit Lavendel
Das "Asperger-Syndrom" ist eine autistische Entwicklungsstörung, die mit einem eingeschränkten Einfühlungsvermögen, mangelhafter sozialer Kompetenz und oft ungewöhnlichen Sonderinteressen einhergeht. Hinsichtlich Sprachentwicklung und Intelligenz sind Menschen mit Asperger-Syndrom aber im Allgemeinen "normal". Pierre (Benjamin Lavernhe, Mitglied der Comédie Française) ist ein Mensch, der an dieser "Behinderung" leidet. Das heißt: Er leidet gar nicht, sondern führt ein fast normales Leben, das durchaus in Harmonie mit seiner Umwelt verläuft.
Alles beginnt damit, dass Pierre unaufmerksam vor das Auto der hübschen und sympathischen Landwirtin Louise (Virginie Efira) läuft und leicht verletzt wird. Louise nimmt ihn mit zu sich nach Hause. Sie wohnt mit ihrem lebensfrohen Sohn Felix (Léo Lorléac'h) und ihrer pubertierenden Tochter Emma (Lucie Fagedet) in einem Landhaus.
Von Manfred Lauffs.

Alice in den Städten
Das klassische Road Movie von Regisseur Wim Wenders, im Sommer 1973 gedreht, umkreist Orientierungs- und Heimatlosigkeit, Sehnsucht und Wünsche, die vielleicht in Erfüllung gehen - vielleicht auch nicht. Ein deutscher Journalist, Philip Winter (Rüdiger Vogler), hält sich für eine Reportage in den USA auf. Er ist Einzelgänger, der eine Schreibblockade hat. Wie zwanghaft macht er stattdessen Polaroid-Fotos von allen möglichen Gegenständen, die er sieht. Personen bildet er nicht ab, er hat das Gefühl für Mitmenschen ebenso verloren wie für seine Texte. Beides wird sich zum Schluss des Films ändern, nachdem Philip väterliche Gefühle entwickelt: Ein Mädchen, Alice (Yella Rottländer), läuft ihm über den Weg. Philip ist gezwungen, sich um die Kleine zu kümmern.
Von Michael Dlugosch.

Man lernt nie aus
Der 70-jährige verwitwete Rentner Ben Whittaker (Robert De Niro) fühlt sich noch rüstig und fit und ist mit seinem Leben im Ruhestand unzufrieden. Einige Hobbys hat er ausprobiert, aber die erfüllten ihn nicht. So sucht er nach einer sinnvollen Tätigkeit und bewirbt sich (ganz professionell mit einem Video!) als Senior-Praktikant bei einer New Yorker Mode-Website, einer modernen Firma, die von der jungen Gründerin Jules Ostin (Anne Hathaway) geleitet wird. Zunächst nehmen die Kolleginnen und Kollegen den Neuzugang nicht besonders ernst, aber er findet schnell Anklang, weil er charmant, fröhlich und hilfsbereit ist. Jules, die sich als Geschäftsführerin oft überfordert fühlt, empfindet Ben immer mehr als väterlichen Freund, als Stütze, als jemand, der sie in ihrem Stress entlastet.
Von Manfred Lauffs.

Bach in Brazil
Damit hat der ehemalige Musiklehrer Marten Brückling (Edgar Selge) nicht gerechnet: Sein Jugendfreund, der vor Jahren nach Brasilien ausgewandert war, hat ihm ein wertvolles Notenblatt vererbt, eine Abschrift, persönlich von Johann Sebastian Bachs Sohn, Johann Christian Bach, angefertigt! Es ist das berühmte Arioso BWV (Bach-Werke-Verzeichnis) 1056. Die Bedingung allerdings lautet, dass Marten persönlich nach Brasilien kommen muss, um das Erbe in Empfang zu nehmen. Dazu hat er überhaupt keine Lust, aber seine ehemalige Kollegin Marianne (Franziska Walser) überredet ihn zu dem Flug, und er landet nach einer in hübscher Zeichentrickmanier dargestellten Reise in Ouro Preto in den brasilianischen Bergen. Leider wird er kurz vor der Rückreise überfallen und beraubt: Alle seine Papiere und das wertvolle Notenblatt sind weg! Als er im Krankenhaus aufwacht, bietet ihm jemand Hilfe an.
Von Manfred Lauffs.

Schule
Der Film zeigt episodisch die Erlebnisse einiger Kleinstadtabiturienten in dem fiktiven Ort Kerkweiler. Hauptfiguren sind die Schüler André, Markus und Dirk. Bis zum Abitur sind es noch drei Wochen: Zum Abschluss der Schulzeit will man noch einmal "auf den Putz hauen", bevor der so genannte "Ernst des Lebens" beginnt. Dazu soll eine Party am See gefeiert werden, inklusive Alkohol- und Marihuanagenuss. Einen Tag und eine Nacht lang verfolgt der Zuschauer die turbulenten Erlebnisse der Protagonisten.
Es geht um die üblichen Themen: Verliebtheit, Betrügen, Verlassenwerden, Prüfungsangst (der Klassenstreber soll beim Spicken helfen), erster Sex. Am Ende gibt es eine theatralische Durchsage von Markus (Daniel Brühl) über das Mikrofon des Schuldirektors, dass er seine Sandra (Jasmin Schwiers) noch immer liebt. Aussöhnung, Happy End, Vogelperspektive der Kamera.
Von Manfred Lauffs.

Ewige Jugend
Optisch ist der Film ein Rausch. Die Schweizer Bergwelt mit dem Super-Luxus-Hotel wird unnachahmlich eingefangen, alle Szenen in den Zimmern, den Bädern, den Gärten, auf den Bergwiesen wirken gestaltet wie Gemälde, die Kameraeinstellungen und -fahrten wechseln ständig (Großaufnahme, Panorama, Froschperspektive, Vogelperspektive...) und passen sich geschmeidig dem Geschehen an, wie auch der technisch ausgetüftelte Soundtrack aus Pop- und klassischer Musik. Ein Hauch von "Zauberberg" wird spürbar. Aber trotz der interessanten Themen (Alter, Jugend, Rückschau, Schönheit, Kunst...) und der schauspielerischen Glanzleistungen ist der Film insgesamt doch enttäuschend. Der Trailer vermittelt ein falsches Bild: die wenigen Gags sind hier zusammengefasst, es sind aber auch alle! Die Dialoge wirken oft pseudophilosophisch, die Handlung übertrieben (z.B. der Hitler-Auftritt des jungen Schauspielers Jimmy Tree), die Zusammenhänge bisweilen unklar.
Von Manfred Lauffs.

Quellen des LebensQuellen des Lebens
Von Kriegsheimkehr über die Spießigkeit der 1950er Jahre und über die Künstlerbohème der 1960er hin zum Krawall der Punkszene der 1970er Jahre: All dies bietet Filmemacher Oskar Roehler in knapp drei Stunden seines Opus Magnum aus dem Jahr 2013 auf. Er muss es wissen: Die letzte Hauptfigur des Films "Quellen des Lebens", Robert, ist sein Alter Ego, die anderen Protagonisten sind kaum verschlüsselt seine Eltern und Großeltern, Freunde und sonstige Menschen, mit denen man im Laufe seines Lebens zu tun haben muss. Mal grandios, mal fragwürdig, mal verspielt, mal verkrampft blickt der gerne provokante Regisseur auf etwa 40 Jahre Familien- und gleichzeitig BRD-Geschichte. Jede Episode ist anders erzählt, nicht jede Schauspielerleistung gleich - aber in dieser Uneinheitlichkeit liegt eine gewisse Stärke des Films. Dieser kann den Zuschauer packen und auf ihn im nächsten Moment abstoßend wirken, er ist sowohl eindrucksvoll als auch zähflüssig.
Von Michael Dlugosch.
Foto: X-Verleih


 



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Zitat

"Mir ist klar geworden, dass ich das Showbusiness nicht mag. Ich mag die Show, aber nicht das Business."

Gene Wilder (11.06.1933 - 29.08.2016) begründete so seinen Rückzug von der Schauspielerei in den letzten Jahrzehnten.

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