Aktuelle Filme


Die Wolken von Sils MariaDie Wolken von Sils Maria
Es ist ein Naturphänomen: Durch eine besondere landschaftliche Prägung eines geschlängelten Tals, des sogenannten Malojapasses im Schweizer Oberengadin, kann man an Herbsttagen beobachten, wie sich eine Wolkenschlange im Tal bewegt, während man im Sonnenschein darüber steht. Um das Naturphänomen des Alterns geht es in diesem Film des französischen Regisseurs Olivier Assayas (z.B. "Paris je t'aime", 2006). Juliette Binoche spielt darin eine Rolle in der Rolle. Sie verkörpert eine Schauspielerin, die in einer neuen Theaterrolle mit dem Altern konfrontiert wird, dabei aber selbst mit diesem Thema ringt. Und wahrscheinlich eine Ebene tiefer, als reale Binoche, auch diese Konfrontation bereits austragen musste. Diese Ausgangssituation ist für die Fragestellung sehr interessant, allerdings hapert es an der Ausführung.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: NFP
deutscher Kinostart: 18. Dezember 2014


Die Böhms - Architektur einer FamilieDie Böhms - Architektur einer Familie
Bekannte Familienclans, deren Mitglieder über mehrere Generationen hinweg noch am Leben sind, bieten ein enormes dokumentarisches Potential. Sind die Familienmitglieder bereit und imstande Rede und Antwort zu stehen, können sie mittels ihrer facettenreichen ureigenen Geschichte, und ihrer jeweiligen Position innerhalb des familiären Gefüges nicht nur vielschichtige Einblicke in die oftmals ambivalenten Familienstrukturen liefern: Ihre Berichte, Erzählungen, ihre Statements und Einschätzungen wie Urteile sind immer ein Stück Kultur- und Zeitgeschichte. Es sind gesellschaftspolitische wie historische Dokumente, die helfen Zusammenhänge besser deuten, besser einordnen zu können. Zumal, wenn die Protagonisten aus der Distanz heraus mit ihrer eigenen Geschichte, deren Wirken und Wirkung uneitel umzugehen wissen.
Von Sven Weidner.
Foto: Real Fiction Filmverleih
deutscher Kinostart: 29. Januar 2015


Finn und die Magie der MusikFinn und die Magie der Musik
Auch wenn Idee und Handlung dieses sich in einem kleinen holländischen Dorf abspielenden Films vielversprechend sind, die melancholische Musik recht schön und ein talentierter kleiner Schauspieler den Hauptcharakter Finn spielt, so weist dieser Film doch leider zu viele Schwächen auf, um den Zuschauer zu verzaubern. Schon der Titel verspricht viel mehr Magie, als der Film je herüberbringt, und bei den Längen zwischendurch steigt der Zuschauer dann ganz aus.
Zufällig lauscht Finn eines Tages dem Geigenspiel eines weißhaarigen alten Herrn, der neu in die Nachbarschaft zugezogen ist, und wird auf der Stelle davon verzaubert. Der Vater verbietet ihm aber den Wunsch, Geige spielen zu lernen.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Arsenal Filmverleih


Magic in the MoonlightMagic in the Moonlight
Entspannter Cole-Porter-Jazz, helle Sommerkleidung, paradiesische Landschaften und Gärten, schöne reiche gesunde Menschen - es ist ein Augen- und Ohrenschmaus, diesem filmischen Spektakel beizuwohnen. Leider bleibt es bei diesem äußerlichen Sinnesgenuss, denn inhaltlich ist Woody Allens neuer Streifen eine leere Hülse. Auch wenn er sich zwischen den Zeilen anschickt, den Vatikan und Nietzsche heraufzubeschwören, rührt "Magic in the Moonlight" beharrlich an der Oberfläche.
Altmeister Woody Allen hatte schon immer eine ausgezeichnete Hand bei der Wahl seiner Schauspieler - so sind auch diesmal der überzeugende skeptische und gegen seinen Willen sich verliebende Sarkast Stanley und sein weibliches Gegenstück, Sophie, einem Möchtegern-Medium mit den unglaublich großen blaugrünen Augen - mit Colin Firth und der jungen Emma Stone hervorragend besetzt.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Jack English / Gravier Productions / Warner Bros.


Dritte PersonDritte Person
Auch wenn eine Geschichte gekonnt aufgebaut ist, so ist das kein Garant für ein Meisterwerk. So findet sich dieser Film sehr geschickt im Geiste des Zuschauers wie ein Puzzle nach und nach zusammen. Der Zuschauer weiß immer mehr als die Figuren selbst und kann sich stets detektivisch fragen, welche Figur oder Handlung real und welche fiktiv ist. Aber auch wenn er am Ende diese Frage gelöst hat, so heißt es nicht, dass er eine wertvolle Botschaft aus dem Kinosaal mitnimmt. Die Handschrift des für den Film "L.A. Crash" Oscar-prämierten Drehbuchautors Paul Haggis ist in diesem Film sehr männlich.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Sony Pictures


Gardenia - Bevor der letzte Vorhang fälltGardenia - Bevor der letzte Vorhang fällt
Sie heißen Andrea, Vanessa, Gerrit, Danilo, Rudy und Richard. Zwei Frauen und vier Männer, Belgier, wobei Andrea und Vanessa ebenfalls als Männer zur Welt kamen. Die alternden Homo- oder Transsexuellen versuchten ihre Identitätskrise mit der Travestieshow "Gardenia" zu bewältigen. Das originelle Spektakel, das auf allen fünf Kontinenten in 25 Ländern erfolgreich gastierte, wurde von dem belgischen Choreographen Alain Platel und dem erfolgreichen Musical- und Opernregisseur Frank Van Laecke inszeniert. In "Gardenia" reflektieren die Mitwirkenden mimisch und improvisierend ihr Leben. Der Dokumentarfilm fügt Ausschnitte aus dem musikalischen Bühnenstück und Interviews mit den Darstellern zusammen. "Gardenia - Bevor der letzte Vorhang fällt" des 1966 in Bad Tölz geborenen Regisseurs Thomas Wallner ist ein gelungenes Beispiel für das Genre Dokumentation.
Von Michael Dlugosch.
Foto: Luk Monsaert / Real Fiction Filmverleih


The Strange Colour of Your Body's TearsThe Strange Colour of Your Body's Tears
In den 60er, 70er und teilweise noch 80er Jahren des letzten Jahrtausends durfte die Welt eine kleine, filmische Invasion aus Italien erleben, die durch kunstvolle Linse Sex, Gewalt und Obsessionen prachtvoll aufblühen ließ. "Giallo" nannte man das, benannt nach den gelben Schundkrimiheftchen. Pulp Fiction also. Doch irgendwann war der Markt übersättigt, die Nachfrage versiegt. Das Genre lag - bis auf wenige Ausnahmen - brach. Und während einer der einflussreichsten Regisseure dieser Gattung, Dario Argento, weiterhin an seinem Niedergang werkelt, versetzen Hélène Cattet und Bruno Forzani mit "The Strange Colour of Your Body's Tears" dem Giallo eine ganz famose Frischzellenkur.
Von Oliver Forst.
Foto: Drop-Out Cinema


Das grenzt an LiebeDas grenzt an Liebe
Der Witwer und Kleingeist Oren Little, der mit lieblosen Sprüchen Kunden, Nachbarn und Freunde vergrault, wird durch die Zuwendung einer besonderen Nachbarin zum besseren Menschen. Zwar sieht man den beiden Hauptdarstellern und Altmeistern des Kinos, Michael Douglas und Diane Keaton, gerne beim Spielen zu. Aber weder ist dieser Film ein Schenkelklopfer noch hat er eine besondere Botschaft - mehr als unterhaltend ist er jedenfalls nicht.
Hollywood nimmt sich dem Thema "Alter" auf sehr eigene Art an - vor allem scheint es wichtig zu sein, dass es Komödien sind (es geistert schon in den schubladenliebenden Medien der Begriff "Rentnerkomödie" herum) die auf ganz subtile Art und Weise das Alter leicht herabwürdigen, ohne es beleidigen zu wollen.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Senator


Der kleine MedicusDer kleine Medicus - Bodynauten auf geheimer Mission im Körper
Fliegende Libellen-Roboter als Spione, ein sprechender rosa Hase im dunkelgrauen Astronautenanzug als "Bodynaut", ein Roboter und eine Raumkapsel, die so geschrumpft werden, dass sie in einen Speicheltropfen passen - technisch gekonnt kommt der Film daher, der sich vorgenommen hatte, heutzutage digitalaffine Kinder zu beeindrucken. Bei solchen Sequenzen ist zumindest ihre Aufmerksamkeit gebannt - allerdings hält die ungeschickt gestrickte Geschichte das Geschehen nicht zusammen, so dass es am Herzen vorbeigeht.
Für einen Kinobesuch lohnt sich dieser Film wegen des Innenlebens des Labors und kleiner technischer Schnickschnacks, die unterhaltend sind. Ein großer Wurf ist aber leider aus dieser Produktion nicht geworden. Zu viele Chancen wurden vergeben.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Senator


Wir sind die NeuenWir sind die Neuen
Was passiert, wenn drei verarmte Alt-68er eine WG aufmachen, weil sie nochmal so leben wollen wie früher, als sie noch studierten: mit gemeinsamem Haushalt, Diskussionen, Rotwein, Musikhören bis in die Nacht und allem, was sonst noch dazugehört? Das demonstriert uns dieser Film auf höchst vergnügliche Weise. Wer sind die drei? Sie heißen Anne (Gisela Schneeberger), Johannes (Michael Wittenborn) und Eddi (Heiner Lauterbach). Das Leben könnte so schön sein, doch sie haben nicht damit gerechnet, dass über ihnen noch eine WG haust. Diese besteht aus Studenten von heute, und die sind pflichtversessen, spießig und humorlos.
Von Manfred Lauffs.
Foto: X-Verleih


CoherenceCoherence
Wenn es einem begnadeten Drehbuchautor in der aufgeblasenen Hollywoodwelt zu langweilig wird, geschieht im besten Fall Folgendes: Er entwirft ein kluges und gleichzeitig spannungsgeladenes Szenario, reduziert radikal alle filmischen Mittel und zaubert selbst einen kleinen, aber fein kompromisslosen Edelstein hervor. Mit "Coherence" ist James Ward Byrkit, der bereits positiv mit seiner Drehbuchbeteiligung an "Rango" aufgefallen ist, ein minimalistischer, kammerspielhafter Science-Fiction-Thriller um Freundschaft, Vertrauen und Selbstbetrug gelungen.
"Coherence" ist auch eine Art Experimentalfilm, hinter dem die Idee steckt, einen Film zu drehen, der, so Regisseur Byrkit, sowohl ohne Drehbuch als auch ohne Crew auskommt.
Von Oliver Forst.
Foto: Bildstörung / Drop-Out Cinema
deutscher Kinostart: 25. Dezember 2014


Praia do FuturoPraia do Futuro
Erforsche das Leben mit all seinen Unwägbarkeiten, und fasse den Mut ins Unbekannte, ins Fremde aufzubrechen. Am sonnendurchtränkten bukolischen Strand von Praia do Futuro rettet Donato (Wagner Moura), der dort als Rettungsschwimmer arbeitet dem deutschen Konrad (Clemens Schick) das Leben. Zwischen den beiden Männern funkt es gewaltig. Donato folgt Konrad nach Berlin.
Diese Männer, ja diesen ganzen Film wird der Zuschauer schnell vergessen haben, da trotz des richtigen wie wichtigen Ansatzes, und trotz einiger weniger stimmungsvoller wie lyrischer Takes, der auch im Erzähltempo uneinheitlichen Geschichte der Kitt einer überzeugenden Story fehlt.
Von Sven Weidner.
Foto: Real Fiction Filmverleih


Los ÁngelesLos Ángeles
Mexiko, in einem zapotekischen Dorf: Mateo, 17 Jahre alt, steht kurz vor der illegalen Ausreise in die Vereinigten Staaten. Es zieht ihn nach Los Angeles. Wenn er dort zu arbeiten beginnt, kann er seine arme Familie in der Heimat finanziell unterstützen. In seinem Dorf hat sich Mateo einer Gang angeschlossen, die auch über hilfreiche Kontakte in Los Angeles verfügt. Bevor Mateo fährt, soll er im Auftrag des Bandenanführers Daniel das Mitglied einer rivalisierenden Gang umbringen. Es gelingt ihm nicht. Dies hat nahezu katastrophale Folgen.
Nüchtern und realistisch erzählt Regisseur und Drehbuchautor Damian John Harper in seinem Spielfilmdebüt eine Geschichte aus dem Hinterhof Amerikas, dem Land, das von den USA durch eine Mauer getrennt ist: Mexiko.
Von Michael Dlugosch.
Foto: Weydemann Bros. (Fotografin: Yvette Cruz)
deutscher Kinostart: 29. Januar 2015


Get - Der Prozess der Viviane AmsalemGet - Der Prozess der Viviane Amsalem
Erdrückend wirken die Räume des Rabbinergerichts. Endlos ziehen sich die Befragungen und Streitereien von Freunden, Familienmitgliedern und dem Paar selbst. Erschöpft und genervt wirken die Richter. Doch der Ehemann will nicht zur Scheidung zustimmen. Er hat das Sagen und ihm obliegt das letzte Wort im Scheidungsprozess. Elisha Amsalem steht über dem Gesetz. Der Anfang des Films ist genau wie der Prozess selbst. Subjektiver und absurder könnten Befragungen nicht ablaufen. Ob er ein guter Ehemann sei, werden die Zeugen gefragt. Vorbildlich. Ob sie eine gute Ehefrau sei? Vorbildlich. Er schlägt sie nicht. Sie betrügt ihn nicht. Alles scheint doch wunderbar. Es gibt keinen evidenten Grund für eine Scheidung. Also warum will sie nicht zu ihm zurückkehren? Warum möchte Viviane so sehr den Get, einen Scheidungsbrief?
Von Margarethe Padysz.
Foto: Riva Filmproduktion (über die Seite des Filmfests Hamburg)
deutscher Kinostart: 15. Januar 2015


Männer zeigen Filme & Frauen ihre BrüsteMänner zeigen Filme & Frauen ihre Brüste
Der Filmtitel ist eine Provokation. Die Regisseurin von "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste" hat sich bei ihm etwas gedacht. Dennoch gibt der Titel nicht den Filminhalt adäquat wieder. Geplant hatte Nachwuchsregisseurin Isabell Suba zweifellos eine mutige Abrechnung mit der Filmbranche, weil, wie sie zu Recht findet, zu wenige Frauen in der Branche Bedeutung erlangen können. Das Ergebnis ist ein Film, der zwar das Mekka des Kinos, das Filmfestival in Cannes, genauer betrachtet, aber vor allem Geschlechterforschung betreibt: Eine Regisseurin und ihr Produzent kabbeln sich zur Freude des Kinopublikums vor dem Hintergrund des Festivals von Anfang bis Ende des Films um Kopf und Kragen.
Von Michael Dlugosch.
Foto: Missingfilms


Mr. May und das Flüstern der EwigkeitMr. May und das Flüstern der Ewigkeit
Viel tiefer als man vorerst vermutet prägt sich dieser Film ein und hinterlässt Spuren. "Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit" - im Original passender mit "Still Life" betitelt - vermag es, mit minimalistischen Mitteln ein Album bewegter Bilder und Szenen zu erstellen, gespickt mit leiser Symbolik, die sich erst im Nachhinein entfaltet. Er vermag wachzurütteln und den Zuschauer stark an die Kostbarkeit des Lebens zu erinnern.
Es ist die zweite Regie-(und hier auch Drehbuch)arbeit von Uberto Pasolini (nach "Bel Ami" von 2012), der vorher als Produzent (z.B. "Ganz oder gar nicht" 1997) tätig war.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Piffl Medien


HeliHeli
Mexiko, ein Land mitten im Drogenkrieg. Dass auch Unbeteiligte in diesen Konflikt hineingezogen werden können, zeigt Regisseur Amat Escalantes radikaler Film. Der junge Fabrikarbeiter Heli (Armando Espitia) lebt mit Frau und gemeinsamem Baby, dem Vater und der 12-jährigen Schwester Estela (Andrea Vergara) in einer trostlosen Gegend Mexikos. Estela hat heimlich einen Freund, den fünf Jahre älteren Polizeianwärter Beto (Juan Eduardo Palacios). Beto möchte das Mädchen ungeachtet ihres jungen Alters heiraten. Um an Geld zu kommen, klaut Beto von der Polizei beschlagnahmte Drogen und versteckt sie in Helis Haus. Mit katastrophalen Folgen für Heli und seine Familie. Bei der Darstellung der brutalen Realität schont die originell erzählte Drogentragödie den Zuschauer nicht.
Von Michael Dlugosch.
Foto: temperclayfilm


A Most Wanted ManA Most Wanted Man
Dieser Spionagethriller nach dem 2008 erschienenen Buch "Marionetten" von John Le Carré ist das dritte Regiewerk des talentierten Niederländers Anton Corbijn und handelt von den Schwierigkeiten der Terrorabwehr auf deutschem Boden. Der tragischerweise Anfang 2014 verstorbene Philip Seymour Hoffman hat darin einen seiner letzten Auftritte. Der zeitgerecht zum 11. September erscheinende Film zeigt viel Bildästhetik aber doch weniger als von Corbijn gewohnt, er zeigt den Seiltanz zwischen Vertrauen und Misstrauen und die Sinnlosigkeit des Festhaltens an Menschlichkeit. Trotz hervorragender schauspielerischer Leistung und auch einer dichten Atmosphäre gelingt es dem Film nicht, die nötige bedrohliche Spannung herzustellen.
Von Hilde Ottschofski.
Foto: Senator


Guardians of the GalaxyGuardians of the Galaxy
Ein schlagfertiger Protagonist mit traumatischer Kindheit, eine zur Kriegerin erzogene, attraktive weibliche Heldin, dazu ein extrem intelligenter Nebendarsteller, dessen Persönlichkeit an Dr. Jekyll und Mr. Hyde erinnert und ein Charakter, der nicht in die Zeit zu passen scheint. Bevor Sie gleich bei IMDB.com nachsehen, ob "The Avengers 2" etwa an Ihnen vorbeigezogen ist: Dem ist nicht so. Dennoch erinnert das Rezept von "Guardians of the Galaxy" frappierend an Marvels Helden-Allianz. Das fertige Gericht ist dennoch kein fader Abklatsch.
Von Hendrik Neumann.
Foto: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany



Special: Filmfest Hamburg (25.09.-04.10.2014)


Monument to Michael JacksonMonument to Michael Jackson
Der breitbeinige Revolutionär des Ostblocks wird langsam hochgehievt. Auf dem Sockel breitet sich anstelle der Statue eine gähnende Leere aus. Ebenso verschafft sich eine traurige Leere in Markos Ehe immer mehr Raum. Seine Frau will die Scheidung, da Marko in dem serbischen Dorf ihr nichts bieten kann. Was kommt nach dem Zusammenbruch eines Systems, fragt sich Marko. "Alles, was du willst", sagt der lokale Politiker, "Wir haben ja Demokratie". Am Abend zieht Marko eine Zigarette nach der anderen, während Michael Jackson aus dem Radio "get the job done" trällert. Schon keimt eine Idee: Warum nicht einen Touristenmagneten schaffen und das triste Leben im Dorf und sein Privatleben durch ein Denkmal für Michael Jackson aufleben lassen.
Von Margarethe Padysz.
Foto: Films Boutique (über die Seite des Filmfests Hamburg)


Not My TypeNot My Type
Es braucht nicht viele Worte für eine Trennung. Regisseur Lucas Belvaux lässt keine langen Streitereien oder dramatischen Sequenzen zu. Die erste Einstellung des Films ist dementsprechend kurz, obgleich schmerzvoll und tränenreich. Clément verlässt nicht nur seine Partnerin, sondern auch Paris. Der Philosophielehrer und Autor nimmt es mehr oder minder gelassen als er in den Zug nach Arras steigen muss, um in dem Pariser Vorort von nun an zu unterrichten. Es ist weniger Resignation als vielmehr eine schnelle Akzeptanz seiner Lage ohne größeren inneren Widerstand.
Die Schönheit der Tragödie wird durch die Darsteller unterstrichen. Mal ist es die stille und ruhige Mimik, mal die wilder Streitlust und Verzweiflung, die den Zuschauer leise aufseufzen lässt.
Von Margarethe Padysz.
Foto: Films Distribution (über die Seite des Filmfests Hamburg)


Ayiti Toma, The Land of the LivingAyiti Toma, The Land of the Living
Joseph Hillel zeichnet ein schönes, weil komplexes Bild eines Landes, das in der westlichen Welt zur Blaupause von Spendenaufrufen degradiert wurde. Erdbeben, Krankheit, Armut mit vielen weißen UN-Fahrzeugen und Unmengen von Säcken mit Reis aus den USA. Das sind die typischen Dinge, die man wohl mit dem Land Haiti in Verbindung bringen kann. Hillel zeigt, dass dieses simple Bild durch ein reichhaltiges und vielschichtiges abgelöst werden muss.
Die Landesgeschichte wird wunderbar vor dem Zuschauer aufgerollt, sodass man schnell in den Bann von Haiti gezogen wird und mit jeder Minute mehr erfahren möchte.
Von Margarethe Padysz.
Foto: Ciné Qua Non Média (über die Seite des Filmfests Hamburg)


Children 404Children 404
Sie sind der Fehler im System, den die Regierung juristisch verankert hat. Im Sommer 2013 trat ein Gesetz in Kraft, mit dem Putin seine traditionelle und normale Gesellschaft zu festigen suchte. Darin werden jegliche positive Äußerungen über Homosexualität unter Anwesenheit von Minderjährigen oder über Medien unter Strafe gestellt. Der Staat erkennt keine gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mehr an. Im selben Jahr ruft die Journalistin Lena Klimova das Projekt Children 404 ins Leben. Sie gibt den vermeintlichen Fehlern des Systems in der virtuellen Welt ein Gesicht und eine Stimme. Obgleich die meisten Fotos und Geschichten anonym bleiben, wird das Ausmaß der Unterdrückung in der Anhängerschaft deutlich.
Von Margarethe Padysz.
Foto: Rise And Shine World Sales (über die Seite des Filmfests Hamburg)


Get - Der Prozess der Viviane AmsalemGet - Der Prozess der Viviane Amsalem
Erdrückend wirken die Räume des Rabbinergerichts. Endlos ziehen sich die Befragungen und Streitereien von Freunden, Familienmitgliedern und dem Paar selbst. Erschöpft und genervt wirken die Richter. Doch der Ehemann will nicht zur Scheidung zustimmen. Er hat das Sagen und ihm obliegt das letzte Wort im Scheidungsprozess. Elisha Amsalem steht über dem Gesetz. Der Anfang des Films ist genau wie der Prozess selbst. Subjektiver und absurder könnten Befragungen nicht ablaufen. Ob er ein guter Ehemann sei, werden die Zeugen gefragt. Vorbildlich. Ob sie eine gute Ehefrau sei? Vorbildlich. Er schlägt sie nicht. Sie betrügt ihn nicht. Alles scheint doch wunderbar. Es gibt keinen evidenten Grund für eine Scheidung. Also warum will sie nicht zu ihm zurückkehren? Warum möchte Viviane so sehr den Get, einen Scheidungsbrief?
Von Margarethe Padysz.
Foto: Riva Filmproduktion (über die Seite des Filmfests Hamburg)
deutscher Kinostart: 15. Januar 2015



Neue Rezensionen


Philomena
Spätestens durch Peter Mullans Spielfilm "Die unbarmherzigen Schwestern" (2002) sind die unglaublichen Vorgänge bekannt geworden: Im streng katholischen Irland der letzten Jahrhundertmitte wurden junge Mädchen von Klosterschwestern gedemütigt und gequält. Unverheiratete Mütter mussten im Kloster entbinden und danach Zwangsarbeit leisten, um die "Sünden" zu büßen. Bei den Geburten war kein Doktor zugegen, Schmerzmittel wurden nicht verabreicht, Schmerzen waren die Strafe für die "Lust".
Eine weitere Bebilderung der furchtbaren Verhältnisse liefert der Film "Philomena" von Stephen Frears. Philomena Lee (Judi Dench) ist pensionierte Krankenschwester und erinnert sich am 50. Geburtstag ihres Sohnes Anthony an die Vergangenheit: Er wurde als uneheliches Kind mit vier Jahren zur Adoption freigegeben, für 1000 Pfund.
Von Manfred Lauffs.

Zwei glorreiche Halunken
Der Italowestern als Gattung (leicht abwertend auch "Spaghettiwestern" genannt) unterscheidet sich vom klassischen amerikanischen Western - obwohl viele genretypische Elemente beibehalten werden - in einigen entscheidenden Punkten. Es gibt nicht mehr die klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse, wie etwa noch in "12 Uhr mittags" ("High Noon", 1952) zwischen Sheriff McKane und Gangster Frank Miller. Moralische Normen wie Ehrlichkeit, Altruismus, Edelmut spielen kaum noch eine Rolle, stattdessen werden die Protagonisten geprägt von Rachsucht, Habgier und Skrupellosigkeit. Diese "schwarzen Helden" (Sergio Leone) haben mit bürgerlichen Normen nichts mehr am Cowboyhut und neigen zu brutaler Gewalt, wobei sie oft einen ungezügelten Zynismus an den Tag legen.
Von Manfred Lauffs.

The American
Edward, der sich seinem mysteriösen Autraggeber gegenüber Jack nennt, ist ein mit den Händen sehr präziser Waffenbauer und Auftragsmörder. Er glaubt nicht, dass Gott sich für ihn interessiert. Dennoch sucht er im idyllischen Bergdorf Castel del Monte nach Freundschaft, Liebe und Erlösung aus der Dunkelheit seiner Existenz. Um den steinigen Weg hin zum Guten geht es im Streifen des niederländischen Regisseurs Anton Corbijn, der das Pittoreske eines italienischen Dorfes als Mitakteurin in den Film zu integrieren vermag.
Von Hilde Ottschofski.

Adams Äpfel
Anders Thomas Jensen ist vielleicht herausragendster Repräsentant einer jungen Riege dänischer Filmschaffender, die bis zur Gnadenlosigkeit den Realismus im Zwischenmenschlichen analysieren. Mit der thematisch ähnlich interessierten Susanne Bier schrieb er das Drehbuch für "In einer besseren Welt", der 2011 einen Oscar erhielt. Darin, wie auch in "Adams Äpfel", für den Jensen alleine als Drehbuchautor verantwortlich zeichnet, werden die Grenzen ausgelotet, wie viel Böses ein Mensch ertragen kann. Das Besondere an dem international mehrfach ausgezeichneten "Adams Äpfel" ist die emotional-obskure Tiefe und gleichzeitige Leichtigkeit des Erzählens, so dass Tragödie und Komödie nah beieinander liegen und ins Groteske zusammenfließen.
Von Hilde Ottschofski.

Rosen für den Staatsanwalt
In der Mitte des letzten Jahrhunderts schwappte eine Flut von sogenannten Heimatfilmen in die deutschen Kinos. Die melodramatischen Filme mit ihren scheinbar unberührten Landschaften, ihren klar in Gut und Böse aufgeteilten Figuren, ihren immergleichen Themen, dem Antimodernismus und dem unausweichlichen Happy End boten dem Zuschauer die gewünschte Ablenkung von der Alltagsrealität und ließen ihn vor allem die Geschehnisse vergessen, die nur wenige Jahre zurücklagen und mit denen man sich nicht auseinandersetzen wollte: der Diktatur und dem Krieg.
Nur wenige Filme aus dieser Zeit ragten aus diesem Kitschmeer heraus, Filme, in denen kritisch Vergangenheit und Gegenwart beleuchtet wurden, deren Handlung und Figuren realistisch angelegt waren, die die Finger in die Wunden legten und die der Aufklärung dienten, nicht der Verklärung. So auch "Rosen für den Staatsanwalt" (1959).
Von Manfred Lauffs.

 



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Zitat

"Die Länge eines Films sollte in direkter Relation zum Durchhaltevermögen der menschlichen Blase stehen."

Regisseur Alfred Hitchcock

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