Der französisch-algerische
Regisseur Tony Gatlif ("Gadjo Dilo", 1997) hat mit "Vengo"
einen Film inszeniert, in dem die Musik des Flamenco den Mittelpunkt
bildet. So drückt der Film die Gefühle des Menschen akustisch
aus - und auch visuell. Die Hauptfigur in "Vengo", der andalusische
Roma Caco (der bekannte spanische Flamenco-Tänzer Antonio Canales),
trauert um seine verstorbene Tochter. Seinen Kummer ertränkt er
in den Festen seiner Familie, den Frauen - und im Flamenco. Gleichzeitig
sehnt sich die Familie Caravaca nach Blutrache an Cacos Clan: Cacos
Bruder Mario tötete einst ein Familienmitglied der Caravaca und
flüchtete nach Marokko. Nun sieht Caco seinen behinderten Neffen
Diego (Orestes Villasan Rodriguez) unmittelbar bedroht.
Den Flamenco
müsse man "von innen heraus" fühlen, ihn von innen
heraus leben, so Regisseur Tony Gatlif. Er selber sah sich einst zwar
als "Liebhaber des Flamenco, betrachtete ihn aber nur als Zuschauer",
bevor er in seinen Filmen "Gadjo Dilo" und "Vengo"
auf die Suche nach den Wurzeln seiner Vorfahren ging. Das Lebensgefühl
andalusischer Zigeuner, von denen er abstammt, ist das Thema beider
Filme, der emotionale Rausch der Roma, ausgedrückt in ihren alkoholdurchtränkten
Festen, ihrer unumstößlichen Liebe zur eigenen Familie, auch
in den nie verborgenen gehaltenen Gefühlen wie Eifersucht und Blutrache,
und vor allem: ausgedrückt in der Musik des Flamenco.
In "Gadjo Dilo" war ein französischer Protagonist,
selber der Abstammung nach Zigeuner, aber eben nur der Abstammung
nach, von einem alten Roma freundlich aufgenommen worden, um dann
als eigentlich Fremder das Leben im Zigeunerlager mitzuerleben und
dann mitzuleben, immer im Rhythmus des Flamenco.
In "Vengo" arrangiert Gatlif die Annäherung des Zuschauers
an die Roma anders: Den von außen kommenden Franzosen, symbolisch
für den Franko-Algerier Gatlif stehend, gibt es in "Vengo"
nicht mehr, der Zuschauer ist jetzt von der ersten Minute an in den
Mikrokosmos der Roma integriert und - ebenso von der ersten Minute
an - fühlt er den Flamenco.
Welch ein Auftakt für einen Film! Schon in den ersten zehn Minuten
wird der Flamenco am Stück temperamentvoll zelebriert. Es ist
ein Familienfest, das des Clans von Caco, eines Mittvierzigers, der
sich vom Tanz besonders berauschen lässt. Dabei ertränkt
er seinen Kummer - sein Töchterchen ist irgendwann gestorben,
wie lange das her ist und wer die Mutter ist, erfährt man nicht,
aber er, der unrasiert ist, ein goldenes Kreuz über seinem dichten
Brusthaar hängen hat und daher eigentlich höchst zwielichtig
wirkt, ist von ehrlicher Trauer umgeben, er wäre ein liebevoller
Vater gewesen, kein Zweifel. Seine ganze verwandtschaftliche Liebe
gilt jetzt seinem Neffen Diego. Diego, noch keine 18, wird von Frauen
nie umschwärmt werden: Diego ist behindert. Das macht aber auch
nichts, Caco spendiert als Ersatz den ersten Aufenthalt Diegos bei
einer Prostituierten des Dorfes, die Caco gut kennt. Manch ein Problem
ist für die zusammenhaltenden Roma keines, solch eins wie die
Behinderung Diegos und ihre eigentlich damit verbundenen sozialen
Folgen weiß Caco sofort zu lösen, unter Roma hilft man
sich. Und: Roma sind nicht intolerant. Nur ein Problem bleibt ein
Problem unter ihnen: Wenn die Gefühle anderer Roma verletzt wurden,
dann lässt sich das nicht bei Alkohol, Frauen und Festen aus
der Welt schaffen. Es ist die nach Gatlifs Auffassung zu Zigeunern
wie Eifersucht und Flamenco dazugehörende Blutrache, die, einmal
verlangt, auch bedingungslos umgesetzt werden muss, die in "Vengo"
von da an den Ton angibt. Da Cacos Bruder Mario, Diegos Vater, nach
dem Mord oder Totschlag an einem Roma aus dem rivalisierenden Clan
der Caravaca geflohen ist, ist Diego in höchster Gefahr. Das
weiß Caco, und er weiß: Wenn nicht Diego, so wird ein
anderer sterben. Nähere Hintergründe der einstigen Tat Marios
erfährt der Zuschauer nicht, nie wird zu viel in "Vengo"
ausgesprochen, für Erklärungen ist der Flamenco mit seinen
stimmungswiedergebenden Einlagen da, die Musik nimmt im Verlauf des
Films bedrückende Züge an. "Vengo" lebt von den
mimisch dargebrachten Emotionen gerade dann, wenn Caco sich dem Rausch
des Tanzes hingibt, sich in die ihn ekstatisch einnehmende Zigeuner-Folklore
flüchtet, um den Schmerz zu vergessen. Die Mimik sprechen zu
lassen ist ein guter Einfall in "Vengo", der ansonsten leider
ein eher kleiner, da zu kurz wirkender und sich zu sehr auf die Figur
des Caco konzentrierender Film ist.
In "Vengo" verzichtete Tony Gatlif auf professionelle Schauspieler.
Dafür hat er als Hauptdarsteller Antonio Canales engagiert, einen
bekannten spanischen Solotänzer, der so ersichtlich den Flamenco
im Blut hat, dass er Gefühle wie Lebensfreude, Trauer, Schmerz,
Angst um geliebte Familienmitglieder, eben das Feuer eines andalusischen
Zigeuners, mit einer Intensität darstellen kann, die ihresgleichen
sucht.
"'Vengo' ist ein Schrei, ein Gesang, ein Loblied auf das Leben,
die Liebe, die Trauer und den Preis des Blutes. Eine Hymne auf den
mediterranen Süden", so Tony Gatlif über seinen Film,
mit dem er das Lebensgefühl der Roma, seiner Vorfahren, gefunden
haben will - und der Film lässt keinen Zweifel daran. "Vengo"
erhielt den "Cesar" für die beste Film-Musik.
"Ich war von vielen Filmen begeistert, sogar von einigen, die ich nicht mochte."
Regisseur Quentin Tarantino, der bei den Filmfestspielen in Cannes 2009 nicht nur seinen Film "Inglourious Basterds" vorstellte, sondern sich auch andere Filme ansah