21.10.2011
Der Mitleidende

Kammerflimmern


"Kammerflimmern" ist einer jener Filme, die keine Zuschauerrekorde schlagen, dafür aber einige Filmpreise abstauben. Der Regisseur, Hendrik Hölzemann, fällt auf durch sein junges Alter, das Drehbuch durch seine Unkonventionalität. Einzig die Schauspielerbesetzung besteht aus bekannten Gesichtern wie Jessica Schwarz oder Matthias Schweighöfer. Ansonsten ist "Kammerflimmern" wenig mainstreamverdächtig und gerade das macht diesen Film zu mehr, als bloß zu einem Kastenflimmern für einen Abend.

Der Film beginnt mit einem zentralen Ereignis in der Kindheit des Hauptdarstellers "Crash" (Matthias Schweighöfer), das ihn sein Leben lang prägen wird. Seine jungen, alternativen Eltern sterben beide bei einem Autounfall. Nur Crash überlebt den Crash unverletzt. Diese Beobachterrolle wird er im folgenden Film weitertragen. Egal was passiert, nie ist er der Leidende, sondern immer der Mitleidende. Auffallend ist, dass sein Mitleid, was nichts mit einer kitschigen Maske, sondern mit tiefer Aufrichtigkeit zu tun hat, ihm oft mehr zuzusetzen scheint, als den Betroffenen ihr Leid.

Crash ist aber kein passiver Zuschauer, sondern er greift aktiv in das Leben Leidender ein, indem er als Rettungshelfer arbeitet. Durch gezielte Kameraführung wird ein Augenmerk auf Crashs Wahrnehmung geworfen, die so viel feinfühliger und aufmerksamer ist, als die seiner Kollegen. Was für die anderen zur hoffnungslosen Routine geworden ist, wird es nicht für ihn. Er kann den Schmerz nicht auf die gleiche Weise ausblenden und von sich abgrenzen wie sie es tun. Er kann sich nicht mit Kokain oder schnellem Sex ablenken, wie sie es tun. Die einzige Art und Weise, wie er sich aus dem Strudel des deprimierenden Bewusstseins befreien kann, ist, indem er auf seinem Longboard einen Hang hinunter rast.

"Kammerflimmern" ist im Prinzip eine sprunghafte Verknüpfung von verschiedenen Szenen, die miteinander im Kontext stehen, ohne geradlinig aneinander zu haften. Es sind Ausschnitte aus dem Leben von Crash, aus der Vergangenheit wie der Gegenwart, aus dem Traum wie aus der Realität, die sich zu einem Bild zusammenfügen, das einem die sensible Persönlichkeit von Crash auf sanfte wie auf brutale Weise näher bringt.

Der Film strahlt eine große Authentizität und Nähe aus. Die Rettungseinsätze bestehen nicht in der Bekämpfung von großflächigen Katastrophen, sondern aus schlichten Alltagsvorfällen der Kölner Unterschicht. Szenische Details wie, dass anstatt einem wortgefeilten Witz, ausschließlich der schallende Lachanfall danach gezeigt wird, oder ein aufgehängtes Hirschgeweih im Hintergrund, das Crash symbolische Engelsflügel verleiht, machen diesen Film aus.

Schließlich trifft Crash wortwörtlich die Frau seiner Träume genannt November (Jessica Schwarz), als der Freund ihres ungeborenen Kindes an einer Überdosis Heroin stirbt. Crash teilt auf eine stille Art ihr Leid und auf der anderen Seite tut auch er ihr leid. Es sind sich zwei begegnet, die sofort merken, dass sie etwas verbindet. Sie sind zwei Übriggebliebene, zwei Reststücke, die daran leiden zu leben, während ihre Geliebten gestorben sind.

Die bekannteste Szene des Films ist wohl die Sexszene, als die schwangere November sagt: "Mein erster Dreier." Ansonsten ist der Sex fern von allen Klischees. Es läuft kein Soundtrack, die erste Stellung funktioniert nicht richtig.

Der Höhepunkt des Plots findet statt, als Crash versucht eine Suizidgewillte von ihrem Vorhaben abzuhalten. Zum ersten Mal erzählt er seine Geschichte, gibt Einblick in seine Schicksalsschläge, in sein vergangenes Leben. Mit Hilfe seiner Worte und Zigaretten gewinnt er Zeit und Hoffnung, doch schlussendlich rennt das Mädchen ihm urplötzlich doch davon und springt über den Abgrund. Ein Schlag, den Crash nur schwer verkraften kann, da ihm dadurch seine Macht- und Hilflosigkeit blank vor Augen geführt wird und doch wird er auf der anderen Seite befreit, da er erkennt, dass er nicht sein Leben lang versuchen kann, sein Leben für andere zu opfern, sondern auch mal an sich selbst denken muss und damit an November und ihr ungeborenes Kind, die ein Teil von ihm geworden sind.

Zum Ende des Films setzen bei November die Wehen ein und das Kind droht bereits während der Fahrt im Rettungswagen von Crash und seinem Kollegen auf die Welt zu kommen. Die Situation spitzt sich zu und der Wagen baut einen dramatischen Eigenunfall. Während November mit Beihilfe vom kaum verletzten Rettungshelferkollegen ihr Baby im Gras liegend gebärt, liegt Crash schwer verletzt neben ihr und ringt mit dem Tod. Symbolisch dafür rast er mit seinem Skateboard einen Berg hinunter, unaufhaltsam dem Ende entgegen. Die Herzanimierungsstöße werfen ihn jeweils in seiner Abfahrt zurück, ein Stück in Richtung Leben. Schlussendlich beugt sich November über ihn und ihre Tränen tropfen rhythmisch auf seine Wangen. Dieses Detail beinhaltet die Lösung des Films und den Leitgedanken "atme ein, atme aus". Dem Kinobesucher wird nicht bildlich gezeigt, wie Crash ins Leben zurückkehrt, aber seine Kehrtwende auf der "Straße des Todes", sowie Novembers Tränen, die sich mit seinem Blut vermischen, geben eine klare Deutung.  

Angelika Imhof / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Kammerflimmern  
 
Deutschland 2003
Regie & Drehbuch: Hendrik Hölzemann;
Darsteller: Matthias Schweighöfer (Crash), Jessica Schwarz (November), Jan Gregor Kremp (Fido), Florian Lukas (Richie), Bibiana Beglau (Dr. Tod / Frau Neumann), Rosel Zech (Oma von Crash), Volker Spengler (Hundemann), Ulrich Noethen (Prof. Olivari) u.a.;
Produzentin: Uschi Reich; Kamera: Lars Liebold, Grischa Schmitz; Musik: Blackmail, Lee Buddah;

Länge: 101 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih Constantin Film Verleih GmbH; deutscher Kinostart: 3. Februar 2005



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"Wenn ich die Tür meines Kühlschranks aufmache und das Licht geht an, will ich sofort anfangen etwas aufzuführen."

Schauspieler Mickey Rooney (23.09.1920 - 06.04.2014)

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