23.09.2011

Die Gründung der chinesischen Republik als Passionsgeschichte

Bodyguards and Assassins

Die Propagandamaschine des chinesischen Festlandkinos ist in Hongkong angekommen. Vor der Rückgabe der Kronkolonie an China war die Sorge der lokalen Filmszene groß – viele Kreative wanderten aus Angst vor Reglementierungen ins Ausland ab. Eine Zwischenbilanz der eineinhalb Jahrzehnte chinesischer Herrschaft in Hongkong zeigt zwar, dass die dortige Filmproduktion nach wie vor funktioniert und ihren ureigenen Charme besitzt. Ein offensiv nationalistischer Film wie die Großproduktion "Bodyguards and Assassins" wäre im Hongkong vor dem 30. Juni 1997 jedoch kaum entstanden.

"Bodyguards and Assassins" beginnt mit einer Definition der Demokratie, die im Wortsinn als "Herrschaft des Volkes" erklärt wird. Beinahe könnte man denken, Regisseur Teddy Chan wolle die mangelnde Verankerung der demokratischen Grundgedanken im China der Gegenwart angreifen, doch schnell entpuppt sich "Bodyguards and Assassins" als großzügig budgetierte Beweihräucherung der Gründung der chinesischen Republik, die im Jahr 1912 die Qing-Dynastie ablöste. Davon, dass die ehernen Ideale der Revolutionäre jener Tage bis heute keine akzeptable Umsetzung erfahren, weiß der unter anderem mit chinesischen Geldern finanzierte "Bodyguards and Assassins" indes nichts.

Teddy Chans Materialschlacht besteht aus zwei Hälften: Der erste Teil verwendet viel Zeit darauf, die verschiedenen Figuren und deren Milieu einzuführen. Aus allen Schichten der Gesellschaft rekrutiert ein älterer Sympathisant, den die Umstände zum Handeln zwingen, eine physisch durchmischte All-Star-Truppe von teils persönlich involvierten Bodyguards. Das Ziel der freiwilligen Kämpfer ist es, Revolutionsführer Sun Yat-Sen bei seiner bevorstehenden Ankunft in Hongkong gegen eine Horde kaiserlicher Attentäter zu verteidigen. Die aufwendigen Kulissen, die vielen Stars und die handwerklich solide Umsetzung, die in der typischen Art des HK-Kinos oft pathetisch ausfällt, charakterisieren diesen Part des Films. Der Seifenoper-artige und von politischen wie privaten Ränkespielen dominierte Unterhaltungswert der Erzählung tröstet dabei über die teils ungelenke Erzählweise hinweg. Selbst die plumpe, von vier Drehbuchautoren gepanschte Aneinanderreihung der Szenen geht vor diesem Hintergrund in Ordnung.

In unterschiedlichen Abständen zeigen Textinserts, in wie vielen Tagen Sun Yat-Sen den Hongkonger Hafen erreicht. Mit kleinen Actioneinlagen gibt Teddy Chan einen Vorgeschmack auf die Schlacht, bis der ausführlich erzählte Vorabend des Events endlich in den letzten Akt überleitet, der einem einzigen Action-Höhepunkt gleichkommt – hier ist "Bodyguards and Assassins" ganz bei sich. In Zeitlupe, mitunter im Regen, sterben die Bodyguards. Sie opfern ihr Leben bereitwillig der guten Sache und erfahren eine Stilisierung zu Märtyrern: Liegt einer der Wackeren blutverschmiert am Boden, verweilt die Kamera beim reglosen Körper, während eine Einblendung den jeweiligen Namen samt Lebensdaten klärt – die Mythenbildung ist perfekt. Darüber hinaus suggeriert Teddy Chan mit diesen Denkmal-Aufnahmen eine Nähe zu den historischen Fakten, die tatsächlich jedoch munter mit Erfindungen zusammenfällt.

Ganz fraglos verliert "Bodyguards and Assassins" wegen der Propaganda einiges an Charme. Doch ebenso fraglos überzeugt die Action im Schlussteil mit einer furiosen Inszenierung: Teddy Chan und seine Choreographen – darunter auch Donnie Yen, der zudem einen der Attentäter spielt – liefern eine fulminante Show. Das weitläufige und detailreiche Set des Hongkong um 1900 spielt hier eine übergeordnete Rolle. Ebenfalls von hoher Bedeutung ist die packende Kameraarbeit von Urgestein Arthur Wong, der unter anderem bei Klassikern wie "Die 36 Kammern der Shaolin" und "Mad Mission" die Kamera führte, dabei war, als Tsui Hark den Historienfilm Anfang der Neunziger wiederbelebte ("Once Upon a Time in China 2") und auch in neuerer Zeit nicht den Anschluss verpasste, was beispielsweise seine Bilder aus "Beyond Hypothermia" von Patrick Leung zeigen. Seine Kamera ist stets in Bewegung, wirbelt, schwenkt, wackelt und verleiht den Kampfszenen eine große Eleganz. Der versierte Einsatz von Handkameras und die schnellen Schnitte harmonieren tadellos, wobei ein irrer Parcours durch das alte Hongkong den ästhetischen Höhepunkt markiert. Die wie bereits in der ersten Filmhälfte omnipräsente Musikspur tut dem visuellen Rausch trotz melodramatischer Überzeichnung kaum Abbruch – das Eindeutige war schon immer ein Wesensmerkmal des HK-Kinos; das Rührselige, das hier in einem Familiendrama mündet, ebenso.

Im Grunde erzählt "Bodyguards and Assassins" die Gründung der chinesischen Republik als eine Passionsgeschichte: Heldenblut benetzt die Erde, auf der das neue China entsteht. Die lange gehaltene Schlusseinstellung zeigt das Gesicht des Gründervaters Sun Yat-Sen, bevor der Abspann die verschiedenen Aufstände und Erfolge der Revolution beschwört. Von den drei "Prinzipien des Volkes", die Yat-Sen proklamierte – Nationalismus, Demokratie, Volkswohl – erfährt in Teddy Chans Historiendrama vor allem das erste reichlich Niederschlag. Was bleibt, ist ein zwiespältiger Eindruck: Im selben Maß wie die propagandistische Ausrichtung fragwürdig erscheint, überzeugt die atemraubende Martial-Arts-Action mit ihrer pulsierenden Hongkong-Kino-Handschrift.  

Christian Horn / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Bodyguards and Assassins
(Shi yue wei cheng)

China 2009
Regie: Teddy Chan;
Darsteller: Donnie Yen (Sum Chung-yang), Leon Lai (Liu Yu-Bai), Xueqi Wang (Li Yue-tang), Tony Leung Ka Fai (Chen Xiao-bai), Nicholas Tse (Ah Si), Jun Hu (Yan Xiao-guo), Yuchun Li (Fang Hong), Eric Tsang (Detective Smith), Simon Yam (Fang Tian), Bingbing Fan (Yuet-yu) u.a.;
Drehbuch: Tin Nam Chun, Junli Guo, Bing Wu, James Yuen; Produzenten: Peter Chan, Jianxin Huang; Ausführende Produzenten: Sanping Han, Dong Yu; Kamera: Arthur Wong; Musik: Kwong Wing Chan, Peter Kam;

Länge: 139 Minuten



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